652
Zerrenner, Karl Chr. G.
und die Wärme seines freundlichen, liebevoll gesinnten Herzens vorteilhaft hervor, undwenn er seinen Seminaristen ans Herz legte, daß sie „mit Glauben, Liebe und Gehor-sam Herz und Leben dem Herrn zuwcndcn und mit der Ueberzeugung des Apostels:Herr, wohin sollen wir gehen, du allein hast ja Worte des ewigen Lebens, Ihn zu ihremFührer durch das versuchungsvolle Leben wählen sollten," so konnte er auch wohl eintieferes Gemüth vergessen lassen, daß von dem Worte der Gnade und Erlösung kaumdie Rede war. Vieles, was Palmer, objectiv die Verhältnisse beurteilend, über Dintersagt (I. 951), läßt sich für Zerrenner wiederholen und geltend machen. Auch von ihmgilt, daß er sich nicht eben philosophisch mit tiefem Denken jemals den Kopf zerbrachund daß ihm jenes persönliche Sündenbewußtsein und Schuldgefühl, das allein zur vollenErkenntnis der biblischen und kirchlichen Lehren von Christo und seinem Heile führt,fremd geblieben sei. Aber es gilt auch von ihm, daß sich gerade aus dieser Ober-flächlichkeit zu einem Theile der Einfluß erklärt, den er auf die Masse der Lehrergewann.
Zerrenner geht in seinen pädagogischen Schriften von der Betrachtung des Wesensund der Kräfte des Menschen aus und definirt die Erziehungslehre als „die Wissenschaft,welche die Regeln lehrt, nach welchen wir planmäßig auf die gesammte Bildung desMenschen einwirken sollen" (Methodenbuch f. Volksschullehrer 8- 1 a- E.). Das Ge-schäft der Erziehung zerfällt ihm in eine pädagogische Diätetik, eine Culturlehre und eineTherapeutik (Grundsätze der Schulerziehung, der Schulkunde und Unterrichtswissenschaft§. 17). Als Grundgesetz der Didaktik gilt ihm (Grundsätze §. 130): „Führe den Lehr-ling von dem Standpuncte seiner Kraft, seiner Bildung, seines Wissens und Könnensin einer weisen Stufenfolge und auf eine seine Gesammtkraft bildende, zweckmäßige Weisedahin, daß er gründlich und vollkommen den Grad der Kraft, der Bildung, der Kenntnisund Geschicklichkeit erlange, den er seiner Bestimmung zufolge erreichen soll." Ausdiesem Princip entwickelt er dann 20 Hauptregeln, wie man sie, wenn auch nicht immermit gleicher Klarheit erläutert und nicht immer in so großer Mannigfaltigkeit in denpädagogischen Lehrbüchern jener Zeit zu finden pflegt. Wie hier, so ist auch an vielenandern Stellen die Aufzählung der zahlreichen Regeln, die trotzdem als Hauptregeln be-zeichnet werden, sehr ermüdend, wenn sie auch vortreffliche Winke für die pädagogischeBehandlung geben, und es kann nicht fehlen, daß in ihrer Aufführung oft eine scharfeUnterscheidung und eine logische Gliederung vermißt wird. Ucberhaupt fehlt in denzahlreichen methodischen Schriften Zerrenncrs eine tiefere philosophische Auffassung unddie Aufmerksamkeit des Lesers wird durch die Masse von Einzelheiten verwirrt; er istauch darin ein Kind seiner Zeit, welche kritisch alles in seine einzelnen Elemente zuzerlegen bemüht war und den leitenden Faden ebenso leicht aus der Hand verlor, alsihr der Sinn für die Schönheit eines in sich zusammenhängenden, systematisch geordnetenGanzen abgieng. — Im Unterrichte selbst hatte Zerrenner die Klarheit und Anschaulich-keit mit Dinter gemein; minder konnte ihm eine besondere Lebendigkeit zugeschriebenwerden, welche auch die vollste Elaste in reger Thätigkeit erhält und den Unterricht einereifrigen Jagd vergleichbar macht; dagegen rühmte man an ihm eine große Humanitätund Freundlichkeit, die ihn trotz seiner starken Beschäftigung und hohen Stellung derLehrerwelt leicht zugänglich machte, ferner eine Beachtung des sogenannten kleinen Dienstesin der Schule. Zweckmäßige äußere Mittel, einen regelmäßigen Schulbesuch, in denElasten die äußere Ordnung, im Unterricht den allmählichen gleichmäßigen Fortschritt zusichern, ihn durch genaue Bezeichnung der passendsten Lehrmittel zu fördern, alles Puncte,die so viel zur Erleichterung des Hauptzweckes des Unterrichtes beitragen, wußte er ineiner Zeit anzugeben, wo diese Dinge noch keineswegs so viel besprochen waren, wieheute. Seine Stärke bestand weniger darin, die gesammte Elaste zu ergreifen und siein lebendig erregtem Unterricht fortzureißen, als darin, auch dem Einzelnen gerecht zuwerden und ihm die erforderlichen elementaren Kenntnisse für das Leben beizubringen.AuS dieser Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen, theils des einzelnen