Druckschrift 
10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
Seite
647
Einzelbild herunterladen
 

Zeller, bhr. H.

Zerrenner, Karl Chr. G.

647

keit der Erquickung, sondern die Zeit der Erquickung, von dein Angesicht des Herrn,also von der sichtbaren Persönlichkeit Jehovahs, in welcher, der da ist, und, der da war,und, der da sein wird, sichtbar erscheinen wird, und sein Kommen wird gesehenwerden." Nebcr das, was einer solchen Zeit voransgehcn müße, erinnert er dann andm Befehl des Herrn, Buße zu thun, und sagt: „Es wird dieser Befehl Gottes ganzvornehm--" — Hier fiel ihm mitten im Worte die Feder aus der Hand. Die Nacht,da er nicht mehr wirken sollte, war für ihn da. Er erkrankte, blieb aber dabei ganzruhig und getrost. „Ich stehe," sagte er auf eine Frage seines Sohnes, „in einer per-sönlichen, persönlichen Verbindung mit meinem Herrn Jesu; die hat schon lang gedauertund ist nie unterbrochen worden!" — Sein öfters ausgesprochener Wunsch, stehendzu sterben, ist ihm zwar nicht so, wie dem tapfern Bernhard von Weimar erfüllt worden;aber cs hat nicht viel dazu gefehlt. Am 11. Mai hielt er noch die tägliche Morgen-andacht, dann die Religionsstunde bei den Schullehrlingen und beendete gerade dasLehrbuch von Kurtz. Bald darnach ward er von einer Lungenentzündung befallen. Am18. Mai nahte sein Ende, lieber sein Vertrauen befragt, antwortete er feurig: „Alleinauf die Gnade, auf sonst nichts, gar nichts!" Nach manchem mit lebendigem Geistegesprochenen Worte hieß es: „Komm bald, Herr Jesu, Amen. In deine Hände befehlich meinen Geist!" Dies seine letzten Worte. Still entschlief der thätige Mann, wieDavid, „in gutem Alter (über 81 Jahre) und voll Lebens."

Es giebt wenige Menschen, die so den Eindruck eines ganzen Mannes machen,wie Vater Zeller, und ganze, vor allem herzgesunde, im Worte Gottes gegründete undin Demnth dienende Lehrer zu bilden, war sein Hauptbemühen. Möge namentlich unsereLehrerbildung, die, gedrängt von dem übergeschäftigcn Geiste der Zeit, in Gefahr steht,in allerlei Wissenswürdigkeiten zu zerflattcrn, mehr in die Breite als in die Tiefe zugehen und das eine Notwendige zu vergessen, sich an ihm orientircn. Zeller stand undsteht in seiner schlichten Einfalt bei kraftvoller Männlichkeit, in seiner demüthigcn Selbst-beschränkung bei einem für Nahes und Fernes, Kleines und Großes geöffneten Wcis-heitsblick recht wie ein Prophet in unserer Zeit als ein Zeugnis wider sie und für sie.Wie A. H. Francke, wird auch Ehr. H. Zeller durch sein Werk in seinem Volke sort-lebcn. B. Strebel.

Zerrenner, Karl Christoph Gottlieb, ist keiner der bahnbrechenden Reforma-toren auf dem Gebiete der Pädagogik gewesen; er kann nicht als einer bezeichnet werden,der derselben eine neue Richtung gegeben hätte, so daß von ihm eine neue Epoche derPädagogik zu datiren wäre. Er war wesentlich Eklektiker, der, durch die Gedanken einesRousseau, eines Basedow angeregt, in dem Sinne eines Rochow, eines Niemeyer zuwirken begehrte, der von den Grundsätzen eines Pestalozzi eingehende Kenntnis nahm,ohne die unbedingte Begeisterung der Zeit für dieselben zu theilen, auch Wohl ohne ihretiefe Bedeutung zu erkennen, aber auch ohne die Misgriffe zu begehen, unter deneninfolge einer ungeschickten Anwendung der pestalozzischen Grundsätze die Volksschule vielfachzu leiden hatte. Selbst wenn man ihn mit dem fast gleichzeitigen Dinter vergleicht,wird man zugestehen müßen, daß er auch nicht, wie dieser in der Katechetik, auf einembestimmten Gebiete der Pädagogik einen entscheidenden Einfluß geübt hätte. Wie aberdieser in Dresden und namentlich in Ostpreußen das Volksschulwescn organisirt, so hatZerrenner in der Provinz Sachsen, und durch seine mit „anziehender Klarheit" geschrie-benen Schriften (Worte des gewiß nicht parteiisch urtheilendcn Dicsterweg) weit überden nächsten Kreis seines amtlichen Wirkens hinaus dafür gesorgt, daß das Volksschul-wesen aus den reformatorischen Bestrebungen Basedows, Pestalozzis u. a. bleibendenNutzen zog, dagegen vor den Einseitigkeiten und Excentricitäten dieser von ihren idealenAnschauungen fortgerissenen Männer und ihrer blindlings in oft sehr unpraktischer Weisedie Principien der Meister ausführenden Schüler bewahrt blieb. Namentlich wußte erauch die äußeren Verhältnisse, die für eine gedeihliche Wirksamkeit so einflußreich sind,in einer Weise zu gestalten, daß der Lehrerstand sich der Würde und Wichtigkeit seines