Zeller, Chr. H.
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arme Sünder vor die Tafel geführt und ihm klar gemacht, daß ein einziger von den40 bis 50 Fehlern 12 Tatzen, ein anderer 24 Tatzen verdiene! Die Schnle dieses halbtauben, alten Schlaghart muß ein wahres Sodom gewesen sein. Sein Nachfolger wußtewenigstens einige Abwechselung in die Strafen zu dringen; wer z. B. undeutlich lasoder mummelte, dem wurde der Mund mit altern Brodc vollgestopft oder mit eineralten hölzernen Tabakspfeife besteckt. Ja, er setzte neben den Strafen auch Belohnungenaus, etwa das Recht, dem Lehrer im Wald einen Stecken zu schneiden re. Am Freitagmußte die ganze Schule zum Hersagcn von Liedern, Sprüchen oder Psalmen „ausrücken,"d. h. sich im Kreis aufstellen. Kamen viele Anstöße vor, so gab es ein „Lauffeuer,"da ein Knabe dem andern mit dem dargereichten Stock einen Schlag auf die hingchaltcneHand versetzte und dann mit einem „Schick's weiter!" das Zuchtwcrkzeug übergab. Gienges schlimm, so mußten zwei der stärksten Knaben den Sträflingen „die Hosen spannen." —Das war die Feueresse, darin der Herr den künftigen Armcnschulmeistcr glühte und zu-bercitete. Wäre Jacquard nicht selbst unter dem Lyoner Seidenwcbstuhle gehockt, wieein Hund, und hätte er nicht da auch so manchen Hundstritt von dem Weber empfangen,er hätte vielleicht den nach ihm benannten kunstreichen Webstuhl nicht ersonnen. — Trotzdieser heillosen Lehrwirthschaft, unter der unser Heinrich bis in sein 12. Jahr zu seufzenhatte, war er doch von den untersten Plätzen bis zu den obersten vorgerückt, und mitten unterden abscheulichsten Dingen, die er an seinen Schulkameraden zu sehen und zu hören be-kam, blieb er unverdorben und bewahrt, — „ohne alle andere Warnung als die inneredes hl. Geistes." — Um diese Zeit kam er für sich in der Stille znm Lesen der Bibel. DieGeschichte der Patriarchen namentlich zog ihn unbeschreiblich an. „Der Gott Abrahams,Isaaks und Jakobs wurde auch sein Gott." Ohne alle Anleitung oder Aufmunterungvon Seiten irgend eines Menschen lernte er von einem Elicser, einem Jakob u. a. ausdem Herzen beten. Ein entlehntes Buch war ihm abhanden gekommen. Der Eigcn-thümer drang auf Rückgabe. Da trieb ihn die Noth ins Gebet: „Ach Herr, du GottAbrahams, Isaaks und Jakobs, zeig mir doch, wo der Middleton (Leben des Cicero)steckt!" Da fällt ihm ein, er solle noch einmal in einem Eckschrank suchen. Richtig;tief unten lag das Buch. Wir haben diesen Zug auS Vater Zellers Munde selbstvernommen.
Neben Dornen und Disteln des Schnlackers blühte übrigens dem Knaben doch auchmanche Blume reiner Jugendfreude; namentlich waren ihm und dem älteren Bruder diekleinen Vacanzreisen zu den lieben Großeltern in Fellbach köstliche Erquickung. Auchdiese Großmutter übte, wie die andere, auf die religiöse Richtung seines Herzens einenbleibenden Einfluß. „O Döblinger Großmutter! O Fellbachcr Großmutter!" hörte manihn noch in seinen letzten Lebensjahren ausrufen. Namentlich war die letztere auch einegeschichtenrciche Erzählerin und that ihren Mund besonders Abends nach der Betglockeim Dämmerstündlcin zum Erzählen alter Geschichten wie eigener Erlebnisse auf, so daßdie munteren Knaben da immer mäuschenstill waren und lauschten.
Hier im Alter des 12jährigcn Knaben bricht leider die Erzählung des Mannes ab,von dem man so gerne noch Weiteres über die Entwicklung der aus seinem Kinder- undKnabcnleben herausduftenden Gcistesblüten vernehmen möchte. Bis dahin wuchs derKnabe, wenn man besonders auf seiu Schulleben sieht, wie eine Lilie unter Dornen,wie ein Samuel bei Eli's bösen Buben auf, „durch Schweiß, Thränen, Schläge undAnstrengung," und doch unverbittert und unverführt. Er sah später auch in diesemdornenvollen Schullebcn einen Segen seines Gottes und erkannte die Wahrheit desProphetcnwortes (Klagl. 3, 27): „Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er inseiner Jugend das Joch trage." Er lernte unter diesen Leiden und Widerwärtigkeitenseiner Schuljahre „sich in allerlei Menschen schicken, Schweres und Unangenehmes er-tragen, in Mühe und Arbeit anshaltcn und," meint er, „wer das lernt, der lernt viel."
lieber den Gang seiner innern Entwicklung während seiner Jünglingsjahre habenwir leider keine nähere Kenntnis. In seinem 18. Jahre bezog er die Universität Tübingen,