dem jungen gräflichen Haupte bekam vom Vater scharfe Ruthenstreiche auf die entblößteHaut, Fasten und überdies noch Verschluß über Nacht auf dem schauerlichen Dach-boden! — Doch trat neben diese Strenge ein freundliches Element. Eine Ge-hülfin der vielbeschäftigten Mutter, eine Jungfer Knab, wußte die Kinder durchihr., sanftes Wesen und besonders durch ihre Gabe des Erzählens von schönen Ge-schichten an sich zu ziehen. So wurde in dem kleinen Knaben neben dem Sinnefür die Schönheiten der Natur auch der Sinn für Geschichte geweckt und seine Phantasiebereichert. Einst lag er an einem herrlichen Tage draußen auf der Bergwiese im Grünenund schaute aus der stillen Blumenwelt auf in das unermeßliche Gewölbe des blauenHimmels. Da vergaß er über deni Anblicke dieser Unendlichkeit die ganze Welt und„fühlte nur Himmel und Heinrich." Diese erste Ahnung von Gott und Ewigkeit bliebihm lebenslang unvergeßlich. — Nach 13jährigcm Besitze verkaufte der Vater Schloßund Gut an den Herzog Karl von Württemberg um 20,000 fl. und vertauschte denländlichen Aufenthalt, hauptsächlich der Erziehung seiner Kinder wegen, mit dem Lebenin einer Stadt, zuerst Böblingen. Heinrich war damals 6 Jahre alt. In Böblingenwar es die Großmutter väterlicherseits, eine fromme Pfarrwitwe, durch welche die erstenEindrücke von der Liebe Jesu in seine Seele kamen. Wenn sie den Enkel, der längereZeit bei ihr wohnen durfte, zu Bette brachte und mit ihm und für ihn betete, da fühlteer etwas von dem Frieden Gottes, der in dem Herzen der Großmutter wohnte. Nament-lich drang das jetzt vielgesnngene Lied: „Weil ich Jesu Schäflein bin," tief in seinejunge Seele. Doch weiß Vater Zeller auch noch von damals zu berichten, wie er von„Blutreinigungsmorsellcn" gleich einer Schwester die auswendige Verzuckerung ableckte,den inner» bittern Kern aber, auf den es zur Blutreinigung eigentlich abgesehen war,schlauerweise beseitigte. Als das Schullebcn begann, kam Heinrich, erst unter lauterMädchen, „in die Fibel," wo die goldenen Bilder und die Holzschnitte seines Büchleinsder jungen Phantasie neben den trockenen Buchstaben reiche Nahrung gewährten. Danngieng es „ins Spruchbuch" und noch später „ins Gesangbuch," endlich, statt „in dieBibel," in die Lateinschule. „Büble, wo willst du hin mit deinem Hauskreuz auf demRücken?" rief ihm ein alter Nachbar zu, als er ihn zum erstenmal mit einem Pack vonBüchern über dem Rücken nach der Schule wandern sah. Mit dem Kreuze wurde esihm redlich wahr. Die alte Schule mit dem Schultyrannen, 5 bis 6 Haselstöcke vorsich auf dem Katheder, mit dem rein mechanischen, geisttödtenden Abrichten der Schülerund dem greulichen Schlagregimcnt tritt da mit allen ihren Unbegreiflichkeiten vor unsereAugen. Der zart angelegte Knabe war unter der harten Schultyrannei so verschüchtertund weinerlich geworden, daß er laut auf weinen mußte, wenn seine schelmischen Ge-schwister ihm neckend das Verslein vorsangen:
„Wenn ich einsam Thränen weine,
O so weint mein fühlend Herz."
Jeden Schlag, den sein härter gearteter und auch schon hart geschlagener Bruder Karlin der Schule empsieng, begleitete Heinrich mit kläglichem Weinen oder gar mit lautemAufschrei. Daneben erheiterte ihn wieder ein alter Thorwart oft stundenlang mit Ge-schichten aus dem 7jährigen Krieg und vom alten Fritz. Geschichten hörte er für seinLeben gern. Im I. 1787 kaufte sich der Hofrath in Ludwigsburg an. Dahin zog mmdie ganze Familie. Für Heinrich trat hier das Schulkreuz in neuer, vermehrter, dochnicht verbesserter Auflage ein. Gleich beim Eintritt in die 2. Elaste der Lateinschuleerblickte er eine kleine schwarze Tafel, auf welcher nach Art der Fleisch- und Brod-taxen an den Metzger- und Bäckerläden die Zahl der Stecken- und Ruthenhiebeverzeichnet stand für verschiedene Hauptfehler gegen die lateinische Sprachlehre. Er solltenur zu bald die Bedeutung dieses Tarifs kennen und fühlen lernen. Kaum war daserste „Argument," das er, ohne zu wissen, wie? machen sollte, und das natürlich vonSprachfehlern wimmelte, von dem grimmigen Präceptor roth bestrichen, so wurde der