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Zeitgeist.
aber ist etwa das Erwachen des menschlichen Selbstbewußtseins, das auch dem Aermstcnsagt, er sei keine rechtlose Sache, sondern ein Mensch, sei nicht zum Sclaven geboren,sondern einer gerechten Behandlung Werth — ist das denn eine Auflehnung wider gött-liche und menschliche Ordnung? Läßt sich der Gefahr nicht am besten Vorbeugen durchGerechtigkeit, die man aber M. üben muß zu rechter Zeit, nicht, wenn es zu spät istund das Rechtsgefühl schon in die Gährung revolutionärer Leidenschaft übergegangen unddadurch vergiftet ist?
Also scheiden müßen wir die im Zeitgeist zusammenfließenden Elemente, und indemwir das Schlechte als solches kennzeichnen, das Gute aber mit Liebe anerkennen und denSinn der Jugend dafür gewinnen, brauchen wir sie nicht aus Furcht vor den Einflüssendes Zeitgeistes abzusperren, was höchstens in einem Priesterseminar unter Jesuiten oderim Tirol möglich wäre; die Jugend wird dem Zeitgeist selbständig ins Auge sehen lernen,und weder etwas darum für gut und nöthig oder doch erlaubt achten, weil er es fordertoder erlaubt, noch etwas darum zurückweisen und u priori als ungöttlich, als antichristlichvcrurtheilen, weil nicht auch Väter und Großväter so gedacht oder gethan haben. TieJugend wird allerdings, der letzteren Gefahr viel weniger ausgesetzt sein, als der ersteren;sie ist noch nicht festgefahren in den tiefen Geleisen langer Gewohnheit, es kostet siekeine Selbstüberwindung, hat vielmehr einen starken Reiz für sie, Neues anzufangen,Neues gelten zu lassen. Aber so nöthig deshalb jene erstere Warnung und Vorkehr fürihre Gegenwart ist, so nöthig ist die zweite für ihre Zukunft — denn auch die Jugendgedenkt alt zu werden, und die stürmischen jungen Weltverbesserer sind in ihren altenTagen oftmals die unverbesserlichsten Philister. — Wir fügen obiger Ausführung nocheinige Sätze aus Bischof Martensens Ethik bei (Bd. I. Gotha 1871), die zwar nichtdirect vom Zeitgeist handeln, aber hier ganz zur Sache dienen. Es heißt dort S. 28Z:
„Die Zeiten werden besser; die Zeiten werden schlechter: beides ist gleich wahr. DasErste, sofern das Gute, wenn auch unter partiellen Rückfällen, zu immer reicherer Ent-faltung und immer völligerem Bewußtsein kommt und durch die fortschreitende Entwick- !lung der Bildung und Erfahrung eine größere Mannigfaltigkeit von Mitteln und Mög- s
lichkeiten zu seiner Selbstoffcnbarung gewinnt. Das Zweite ist wahr, denn auch das !
Böse kommt, obgleich unter partiellen Stillständen und Niederlagen, zu reicherer Ent- ?faltung, offenerer und mächtigerer Vertretung und nimmt zugleich einen immer geistigerenCharakter an, empfängt auch von Seiten der Cultur, der intellectnellen und socialenBildung täglich neue Waffen . . . Und so schreiten beide, das echte und das falscheMenschheitsreich unter steigender Verinnerlichung ihrer Principien, welche sich immer smehr organisiren und gesellschaftlich constituiren wollen, durch die Zeiten fort, und mehr sund mehr gestaltet sich der weltgeschichtliche Kampf zu einem großen Principienstrcite...
Das Letzte auf Erden ist nicht der ewige Friede, welchen die Philosophie erträumt hat,sondern der gewaltigste und heißeste Krieg zwischen den beiden Lagern, in welche das 1menschliche Geschlecht alsdann getheilt sein wird." L
Hiernach gewinnen wir noch eine weitere Definition des Zeitgeistes, die aber mit »
der obigen im Einklang steht, wornach wir ihn als den Collectivnamen für die geistigen 8
Mächte betrachtet haben, die in einer gegebenen Zeit in der Menschheit, soweit diese 8
überhaupt die Trägerin geistigen Lebens ist (denn von Hottentotten oder Samojeden, selbst 8
von den gebildeten Einwohnern des himmlischen Reichs und Japans geht der Zeitgeist D
nicht aus), sich wirksam erweisen als bewegende, die Personen durchdringende, die Ereig- K
nisse bedingende Denkweisen, Ideen, Bedürfnisse oder Leidenschaften. Nach Martensens s
Darlegung können wir nun auch sagen: der Zeitgeist ist immer ein Gesammtausdruck N
für denjenigen Punct, auf welchem jetzt eben in der Generation, welcher wir selbst ange- 8
hören, jene beiden Entwicklungsrcihen, die des Guten und die des Bösen angckommen i
sind; diesen Punct nach beiden Seiten hin richtig aufzusinden und zu bestimmen unddemgemäß sich selbst dazu zu stellen, das ist die Lebensweisheit, die wir unfern Zög-lingen mitgeben, aber darum erst selber besitzen müßen. Es ist klar, daß man diesen