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Zeitgeist.
weit der Erzieher dem schon vorhandenen, schon wirksamen Geist der Zeit selber nachzu-geben, also in der Strömung desselben auch seine Zöglinge zu führen berechtigt oderverpflichtet sei? Es giebt ja solche Anbeter des Zeitgeistes, die da meinen, was diesereinmal fordere, sei unbedingt zu befolgen; eine höhere Instanz gebe cs nicht. (DieseJnfallibilität des Zeitgeistes ist humoristisch der Jnfallibilität des Papstes gegenüber-gestellt in der Schrift von G. Maaß: „Der infallible Zeitgeist," Colberg 1871.) Daswar jedoch selbst Hegels Meinung nicht, da er den Satz ausstelltc: was wirklich ist, istvernünftig; noch viel weniger kann das Christenthum die ewige Wahrheit, das ewigeRecht preisgeben an die wechselnde Strömung des Weltgeistes. Aber ebensowenig könnenwir uns ans den Standpunct einer principiellen und consequenten Opposition stellengegen alles, was Zeitgeist heißt. Allerdings, wäre jener absolute Gegensatz zwischenZeitgeist und Gottes Geist in Wirklichkeit vorhanden, so daß, wo der eine ist, der andereausgeschlossen wäre, dann müßte das oben genannte schlechthin negative, abwehrende Ver-fahren jedem christlichen Erzieher zur Pflicht gemacht werden; wer mit dem Stromschwimmt, der würde damit verrathen, daß er entweder ein unselbständiger, verblendeterMensch oder einer von denen ist, die nur das Ihre suchen, die aus ihrer Devotion gegenden Zeitgeist einen Profit ziehen wollen. Allein jener Gegensatz kann in solcher Scharfeschlechterdings nicht aufrecht erhalten werden. In einem Vortrag (vom I. 1871) „Heberdie geistigen Zeitmächte im Lichte der Ereignisse der Gegenwart" hat Fr. Reiff als solcheMächte 1) die patriotische Idee, 2) die Staatsidee, 3) die Cnltur, dann aber auch dmUnglauben der Culturseligkeit, den Glaubenshaß der socialen Revolution, den Aberglaubendes Romanismus und seiner Gegner (d. h. eines Döllinger, Hyacinth :c.), endlich dmMischmaschglauben des liberalen Christenthums aufgeführt. Diese Liste stellt in festerenUmrissen, in greifbaren Gestalten dasselbe dar, was man mit dem Wort Zeitgeist nurunbestimmt und vieldeutig bezeichnet. Den substantiellen Inhalt, das reale Wesen desZeitgeistes bilden unstreitig jene Mächte, die, ob sie auch materielle Zwecke verfolgen,dennoch ganz richtig geistige Mächte genannt werden; waltet doch selbst in der Industrie,im Maschinenwesen eine ungeheure geistige Thätigkeit; was diese gewaltigen Räder treibt,diese furchtbaren Hämmer hebt, das ist eine geistige Kraft, es ist die in Arbeitskraftnmgesetzte Mathematik und Naturwissenschaft. Aber jene Liste stellt auch klar heraus,daß der Begriff oder Name Zeitgeist sehr verschiedene Tinge umfaßt, so daß fraglichwird, ob er überhaupt etwas einheitliches vorstelle und nicht vielmehr ein Collectivnamefür mancherlei zufällig zusammengerathene Dinge sei? In der That, man wird auf dieFrage: was oder wo ist denn dermalen der Zeitgeist? gar mancherlei Antworten be-kommen; die Verehrer und Missionare desselben wie seine Bekämpfer suchen ihn in vielenGestalten auf. Ist die Demokratie oder der Militarismus der jetzige Zeitgeist? ist esder Individualismus oder der Socialismns? Ist es das Aufstreben der Nationalitätenoder ist es das Jesuitenthum, das alle Welt unter ein Joch drücken will? Ist es aufreligiösem Gebier (denn den Jesuitismus rechnen wir gar nicht zu diesem; das Jesnitcn-thum hat lediglich nichts mit Religion, desto mehr mit nichtswürdiger Politik und mitdem Aberglauben als Mittel dafür zu thun) — ist es das straffere Kirchenthum oder dieNeigung zur Scctenbildnng? Oder ists der Materialismus und Industrialismus, derBörsenschwindel und napolcon'sche Sittenvcrdcrbnis? Oder ist cs, wofür gewiße Pädagogenplaidircn, der Fortschritt um jeden Preis, der Fortschritt ins Blaue? oder ists dagegendie traurige Blasirthcit, die in Wissenschaft, Kunst und Religion nur noch durch Piccmtes,scharf Gewürztes, Ohrenerschüttcrndes und Augenblcndendes auf kurze Momente angeregtwird, dagegen stumpfen Sinnes ist für das einfach Wahre und Schöne? — Nun, dassind freilich sehr heterogene Dinge; und jeder besonnene Mann wird, ehe er durch dmNamen Zeitgeist sich imponiren läßt, vorher in jedem gegebenen Fall fragen, was denndarunter so recht eigentlich gemeint, was „des Pudels Kern" sei; „ich bin lüstern, einWort mit diesem Geist zu sprechen," sagt König Philipp in Don Carlos; daS ist ganzbesonders am Platze der Maske gegenüber, welche Zeitgeist heißt. Allein wenn ein in