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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zeitgeist.

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! sogar für gut halten, oder weil sie auch daö unleugbar Schlimme und Gefährliche alseine» unvermeidlichen Durchgangspuuct, also als eine Arl Naturnothwcndigkeit betrachten,doch niemals in Abrede ziehen, daß dieser Geist nicht in allen seinen Formen und Aeuße-8 nmgen dem Ideal menschlichen Gemeinlebens entspricht; daß, auch was löblich an ihm8 befanden wird, je nach Umständen in eine falsche, gefährliche Bahn gerathen kann. AberK von wem hängt denn dies ab? Wer istS, der den Zeitgeist macht? Vom engen Kreise! der Familie aus ists ein weiter Weg in die Welt hinaus; was kann der rechtschaffenstej Vater, die frömmste Mutter dagegen thun, wenn in den Ständekammern oder an denHöfen, in den Wirthshäusern oder in den Hörsälen Menschen daS große Wort führen,die allem Glauben und aller Sitte, allem Recht und allem Frieden feind sind? Aberj auch die Schule macht den Zeitgeist nicht; es ist eine eitle Einbildung, daß sie, d. h. dieLehrer, das Steuerruder der Völker in Händen haben; sie können viel nützen und vielschaden, je nachdem ein guter oder böser Same in der Kinder und Jünglinge Herzens Nsgestreut wird; aber es walten noch ganz andere Mächte, über die alle Schulweisheitnicht Meister wird. Sind es überhaupt Menschen, die den Zeitgeist machen, die einerft Zeit ihr Gepräge aufdrücken oder ihr in einer neuen Richtung einen Stoß geben, so sind

r es die großen und einflußreichen Männer, Männer wie Luther, wie Rousseau, wie Friedrich

r der Große, wie Napoleon I. Aber auch sie nicht allein; liegt nicht ein Zündstoff in den

i Völkern, namentlich in den tonangebenden, das öffentliche Leben tragenden und repräscn-

z tuenden Massen, so bleibt auch ein solcher Mann allein. Woher kommen nun jene all-

ll gemeinen, inneren Dispositionen, von denen so oft ein einzelner Mann nur der kräftigstein Ausdruck ist, in die darum sein Wort eben wie der zündende Funke fällt? Es könnenks Ereignisse sein, Kriege, Staatsumwälzungen, cs können umfassende Entdeckungen und Er-s findungen sein, die der Menschen Gedanken auf neue Gebiete führen, ihnen einen neuen

ft Inhalt, neue Ziele geben — aber auch die Ereignisse, die ja wiederum durch Menschen

herbeigeführt werden, sind so oft nur wie die Eruption eines Vulkans, der längst in derTiefe gearbeitet hat. So kann man allerdings auf die Ansicht kommen, der Zeitgeistf sei wie das Fatum, dem niemand entgehen könne; und wir wollen nur hinzufügcn, daßdafür auch ein Beleg darin gefunden werden kann, daß so manchmal Leute, die am aller-l eifrigsten — etwa auf Kanzeln und Kathedern -— gegen den Zeitgeist declamiren, genau

f beim Licht besehen selber unter seinem Banne stehen. Vorerst also können wir dem

Resultat, so dcmüthigend es ist, nicht wohl ausweichen: die Erziehung kann dens Zeitgeist nicht machen, nicht ändern; sie muß sich bescheiden, den Einzelnen seiner mensch-lichen und christlichen Bestimmung cntgegenzusührcn und dafür zu sorgen, daß nicht desj Zöglings eigener, freigeschasscner Geist vom Zcirgcist absorbirt, daß nickt Gortcö Geist

4 durch diesen ausgctriebcn werde. Wir können uns freilich eine recht schöne Vorstellung

machen, wie es wäre, wenn z. B. in allen Lehrerseminaren, in allen Lehrerkollegien, inallen Schulbehörden der rechte Geist, der Geist christlicher Bildung herrschend wäre;

> dann müßte ja durch die Menge von Zöglingen, die alle Jahre aus diesen Institutench austrctcu, um entweder in den Lehrberuf übcrzugehcn oder in den Staats- und: Küchendienst einzntreten, jener edle Geist in einer Reihe von Jahren eine Verbreitung

gewinnen und durch sie eine Macht, ja der Zeitgeist selber werten. Doch die Wirklich-s keii hängt an dergleichen Phantasien so viele Wenn und Aber, daß wir uns auf dcus bescheidenen und doch so unendlich bedeutenden Satz zurückzichen mäßen: es sei nurjeder neu im Kleinen — daß das ein Segen fürs große Ganze wird, das steht inEottes Hand. Ob unter meinen Schülern einer ein künftiger Welteroberer, ein General,ein Minister, ein Dichter oder Reformator werden wird, das weiß ich niemals; aberauch wer einen präsumtiven Thronfolger erzieht (vgl. d. Art. Prinzenerziehung), der sollIch nicht schmeicheln, den künftigen Zeitgeist zu erziehen; er soll einen weisen und ge-I rechten Fürsten auS ihm machen, das klebrige aber Gott anheimstellcn.

Steht die Sache sc, wie wir sagten, dann ist zunächst nur dies die Frage, in wie1 PLdag. Enzyklopädie. X. 40