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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
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602
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Zeichnen.

Landschaftszeichncn wird meist in der Absicht erlernt, später Aufnahmen nach derNatur machen zu können, und kann auch seine höhere Ausbildung nur durch solche Auf-nahmen erlangen; aber cs kann nicht damit begonnen werden. Wer ohne die durchVorlegcblätter vermittelten Vorübungen ein erträgliches Bild nach einem wirklichen Baumzustande brächte, wäre ein selbständiges Genie, wie die in der Darstellung von Land-schaften bahnbrechenden Meister es waren. Die im Grunde nur Andeutungen liefern-den Abbildungen von Bäumen, Buschwerk, Wiesen re. sind bis zu einem gewißen Gradeconventionell; es lassen sich darin sogar wechselnde Moden verfolgen. Sache des Lehrersist es, geschmackvolle und in ihren Maffenandeutnngen möglichst naturwahre Vorlagenzu wählen, welche indes je nach dem vorausgesetzten Zeichcnmaterial etwas verschiedensein müßen, anders für eine Federzeichnung als für das Arbeiten mit Kreide. MitSchülern, welche aus den eopirtcn Vorlegeblättern das Verständnis gewonnen haben,wie man einer wirklichen Landschaft gegenüber das in der Nähe sich aufdrängende un-endliche Detail durch Gruppensondernng bewältigen, gleichsam im Auszug wiedergebenkönne, und durch welche Mittel man das Entfernte vom Nahen abzulösen (Lnftpcrspec-tive" zu beobachten) habe, sollte der Lehrer von Zeit zu Zeit Excursionen zum Zeichnennach der Natur vornehmen.

Ob an den Zeichnungsunterricht sich auch Hebungen mit dem Pinsel in Tusch,Sepia oder in Wasserfarben anschließcn können, wird zumeist von äußeren Umständenabhängen. Zweckmäßig und bildend ist ein solcher Anhang jedenfalls; nur soll der Pinseleinem etwa darnach verlangenden Schüler nicht eher in die Hand gegeben werden, alsbis er seiner Hauptaufgabe, richtig zeichnen zu lernen, genügt hat. Persönlichen Nei-gungen begabter Schüler ist Rücksicht zu schenken, sobald diese einmal den wesentlichzum System des Unterrichts gehörigen Anforderungen fleißig und mit Erfolg entsprochenhaben, mögen nun jene Neigungen oder Wünsche sich auf das Malen richten oder auf dasZeichnen von Gegenständen specieller Art. Man trifft in Schulen zuweilen Liebhaberdes Thicrzeichnens, wird aber dann in der Regel finden, daß der Liebhaberei ein offenerBlick für das Charakteristische im Bau der Thiere zur Seite steht. Einem Begehrennach Blumenzcichncn dürfte man bloß in Mädchenschulen begegnen.*)

Kupferstich und dem nach anderer Seite so sehr vervollkominncten Holzschnitt wenig mehr zubemerken, am wenigsten bei den englischen Stahlstichen und Xylographien, welche das ungebildeteAuge bestechen, einem schärferen Blick aber häufig geradezu roh erscheinen, lieber der Beiziehungvon Hnlfsmaschincn zu deren Herstellung (wodurch freilich die niedrigen Preise allein ermöglichtwurdenh ist das Bewußtsein abhanden gekommen, daß es mit dem stärkeren oder schwächerenTon der Schraffirnng noch nicht gcthan ist, daß vielmehr die Formen und Biegungen der ent-scheidenden Strichlagen den plastischen Gestaltungen genau nachgehen müßen. Man brauchtum z. B. eiucu Faltenwurf iu einem guten alten Stich mit dem in einem neueren zu ver-gleichen, um dm Verfall recht augenfällig zu finden. Monge (Osomotris ässoriptivs, Nr. 131)hat in geistvoller Weise dargelegt, wie bei den Meistern der Kupferstechctknnst die sich kreuzendenLinien der Hauptschraffirungen den von der höheren Mathematik an geometrischen Flächen nach-gewiesenenKrümmnngsllnien" (d. h. gewißen für jeden Punct einer krummen Fläche paar-weise vorhandenen Curven, welche für die Gestaltung der Fläche bezeichnend sind, um so näherkommen, je mehr sich die Form der im Stich dargestellten Fläche einer geometrisch definirbarer.Form nähert, so daß also das geläuterte Gefühl des Künstlers ohne Kenntnis einer mathematischenTheorie das von der Wissenschaft Geforderte ansgefnndcn hat. Jenem jetzt abgestumpften Ge-fühl wäre Nenbelebung sehr zu wünschen.

Ein Zeichnnngsuntcrrichl für Mädchen ist in diesem Aufsatz, welcher zunächst Lehranstaltenfür Knaben und Jünglinge vor Augen hat, nicht besonders besprochen worden. Die Hanptgrundsätzebleiben dieselben, wenn auch ihre Ausführung in der Mädchenschule eine beschränktere sein wird,wie denn z. B. das Zeichnen nach den geometrischen Modellen des Ferdinand Dupuiö ganzwegznfallen hätte. Auf keinen Fall darf das Zeichnen nur wie eine angenehme Unterhaltungbehandelt worden. In einem weiblichen Institut nehmen die Schülerinnen es mit artistischemUnterricht eben so ernst wie Jünglinge, wenn nur der Lehrer es ernst nimmt; man weiß, wnhäufig Mädchen, denen ein an der öffentlichen Lehranstalt mit zu wenigen Stunden bedachter