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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zeichnen.

Unterhaltung sehen dürfen und finden an systematisch geordneten Elementaraufgaben keinenGeschmack. Giebt der Lehrer ihren Wünschen nach, indem er ihnen Vorlagen gewahrtwelche sie noch nicht richtig nachbilden können, so artet der Unterricht in Spielerei ausgewöhnt die Schüler an eine völlig unberechtigte Zufriedenheit mit ihren Leistungen undzerstört die Grundlage alles Lernens, die Möglichkeit nemlich, daß der Schüler den Tadeloder die Corrccturcn des Lehrers zu verfolgen und zu verstehen im Stande sei; andernfallsversiegt die Lust zum Zeichnen und läßt sich später nur sehr schwer oder gar nicht wiederbeleben. Sehr häufig wird von Eltern auf baldigen Unterricht gedrungen, wenn sie be-obachten, daß ihre Kinder gern und viel für sich zeichnen. Solche Kinder soll man beiihren eigenen Versuchen nur gewähren lassen, mögen sie sich auch zu den schwersten Auf-gaben »ersteigen; das selbständige Spiel im Nachahmen irgendwelcher Bilder ist unge-fährlich, kann bei begabten Kindern sogar zum ersten Erwachen einer Selbstkritik führen;ganz anders aber und entschieden nachtheilig wirkt es, wenn der Knabe unter den Augeneines Lehrers, scheinbar unter Anleitung, schlechte Stricheleicn kritzelt und der Lehrer dieMisgestalten ohne strenge Verurteilung hinnimmt, weil er eine gründliche Verbesserungfür unmöglich erkennt. Das constructive Zeichnen wird überall, wo es überhauptjn den Unterricht eingeführt ist, später als das Freihandzeichnen begonnen, und dies istganz zweckmäßig, nicht etwa weil zuvor geometrische Kenntnisse erworben sein müßten(denn für den Anfang würden ein paar Namen und Begriffe schon genügen), sondernweil der Schüler, wenn er nicht die subtileren Zeichnungsapparate alsbald verderben soll,einiges Handgeschick mitbringen muß, welches er sich durch freies Zeichnen besser aneignet.Mit Handgeschick ist hier nur eine gewiße Leichtigkeit in Führung der Werkzeuge ge-meint, nicht ein Grad der Fertigkeit im freien Zeichnen; die noch ungelenken Finger desAnfängers schaden dem Bleistift weniger als den Spitzen eines Zirkels. Wäre nicht dieseRücksicht zu nehmen, so könnte das construirende Zeichnen auch vor dem Freihandzeichnenoder gleichzeitig mit diesem beginnen, denn das zuweilen geäußerte Bedenken, die Zirkel-arbeit möchte den Schüler vom willigen Gebrauch seines Augenmaßes abwendig machen,ist völlig unbegründet; im Gegentheil folgt aus der Beschäftigung mit Coustructioneneine ermuthigcnde Stärkung des Augenmaßes, da die häufig wiederholte Anschauung ge-nauer Theilungen oder Verdoppelungen im Gedächtnis haftet. Der sonst giltige Grund-satz, das Leichtere vor dem Schwereren zu lehren, braucht hier nicht maßgebend zu sein,indem das freie und das constructive Zeichnen keinen unmittelbaren innern Zusammenhanghaben. An sich aber ist das construirende Zeichnen das leichtere; es fordert keine beson-dere Anlage, nur Pünctlichkeit und Sinn für Sauberkeit; man kann daher erwarten undverlangen, daß in einem vorausbestimmten Zeitraum bei angemessener Zahl der Wochen-stunden die Schüler einer Elaste fast alle ein ihnen gestecktes Ziel erreichen; man kannden Unterricht, wenn die Umstände es rathsam machen und der Fleiß der Schüler gehörigüberwacht wird, beschleunigen ohne Gefahr für den Erfolg, während das Freihand-zeichnen sich niemals übereilen läßt; in diesem reift die Frucht langsam mit dem vor-schreitenden Alter der Schüler, das Resultat eines zweijährigen Unterrichts kann nichtetwa durch Verdoppelung der Lehrstundenzahl in einem Jahre gewonnen werden, dieErgiebigkeit bei den einzelnen Schülern wird immer sehr verschieden sein, je nach Be-gabung und Neigung.

Lehranstalten, welche auf den Zeichenunterricht Gewicht legen müßen (wie Real-gymnasien, Realschulen, Gewerbeschulen), sollten für Freihandzeichnen und constructivesZeichnen je einen besondern Lehrer haben. Von einem im Construiren gewandten Maimekann man im allgemeinen nicht erwarten, daß er zugleich im freien Zeichnen zu unter-richten im Stande sei; umgekehrt wird ein guter Lehrer des Freihandzeichnens zwar nichtder manuellen Fertigkeit in Behandlung des Reißzeugs entbehren, aber gewöhnlich derfür das Constructionszeichncn erforderlichen geometrischen Vorbildung oder auch des rech-ten Sinnes dafür. Gestattet der bescheidene Umfang einer Schule nicht, zwei besondereZeichenlehrer zu beschäftigen, so sind in erster Linie die Bedürfnisse des Freihandzeichnens