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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zeichnen.

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wünschbare Vorthcile bringen, und man hätte Unrecht, wenn man die Bedeutung desZeichnens an Gelehrtenschulcn ausschließlich von der ästhetischen Seite bcurthcilen wollte.Gleich irrthümlich aber wäre cs, das Zeichnen an realistischen Lehranstalten lediglich fürein Drillen auf künftige Praxis zu halten. Das bildende Element im Zeichenunter-richt*) ist für jede Schule hoch anzuschlagcn und würde sich sogar da, wo es über plattenNützlichkeitsansichten unterschätzt werden sollte, von selbst geltend machen. Indes darfman nicht meinen, daß durch diesen Unterricht der Sinn für das Schöne sofort undunmittelbar geweckt werde; Anfänger zeichnen unter einem ungeschickten Lehrer gute undschlechte Vorlagen mit der nemlichen Seelenruhe nach, ohne den Unterschied zu spürenoder von der Verschrobenheit ihres eigenen Machwerks eine Ahnung zu haben, und auchein ganz tüchtiger Lehrmeister, welcher selbstverständlich die unpassenden Vorbilder fernhält, kann Schönheitsgefühl den Schülern nicht direct einflößen. Ehe die schöne FormEindruck machen kann, muß der Schüler gelernt haben, Formen überhaupt zu erfassen.Das erste Ziel des Unterrichts ist daher, das Auge zu schärfen für das Charakteristischeeiner Form, für das Unterscheidende in verwandten Formen. Ein im genauen und zu-gleich raschen Vergleichen hinreichend geübter Blick erkennt dann ohne besonderes Zuthundes Lehrers die innere Harmonie eines Gebildes, also dessen Schönheit. Es ist derselbeWeg, auf welchem auch Leute, welche niemals Zeichnen gelernt haben, sich ein Kunst-urtheil erwerben können; nur wird, wenn ein erfolgreicher Zeichenunterricht voraus-gegangen ist, der Weg kürzer und das Artheil sicherer sein, weil das Verständnis fürFormen am besten gefördert wird durch eigenes Nachbilden von Formen unter kompetenterControle. Vieles und zu frühes Reden über Schönheit nützt gar nichts; ist aber derSchüler einmal dahin gelangt, das Schöne selbst zu gewahren, so hat der Lehrer denneuerwachten Sinn zu nähren durch musterhafte Vorbilder, durch leichte Andeutungenüber ihre künstlerischen Vorzüge, später Lurch kritische Zergliederung derselben. Auf Form-schönheit muß auch das constructive Zeichnen Rücksicht nehmen; sie kommt dort demSchüler weit früher zum Bewußtsein als an frei gestalteten Formen, eben weil die geo-metrische Gesetzmäßigkeit augenfälliger ist als die Wirkung eines verborgen liegendenGesetzes. Gesetzmäßigkeit aber ist überall der letzte Grund des Schönen, obgleich dasjeweilige Gesetz an sich nur selten klar von uns durchschaut wird; wir erkennen seinWalten und empfinden sogleich jeden Verstoß gegen dasselbe, aber wir können es nichtin eine Formel fassen.

Die vorhin geforderte Schärfung und Bildung des Auges kann sich nicht vollziehenohne eine geistige Thätigkeit des Schülers, welche ihm vor einer gewißen Altersstufe nichtzuzumuthen ist. Damit der Zeichenunterricht mit dem gebührenden Ernst in Angriff ge-nommen werden könne, sollten die Anfänger mindestens im zwölften Jahre stehen. Anvielen Schulen wird das Zeichnen mit zu jungen Schülern betrieben. Dabei kommt imgünstigsten Falle nichts heraus, sofern ein Knabe, der mit neun oder zehn Jahren seinenersten Zeichenunterricht cmpficng, erfahrungsgemäß mit vierzehn Jahren nicht weiter ge-bracht ist als ein anderer, welcher unter übrigens gleichen Umständen das Zeichnen mitZlvölf Jahren begonnen und zwei Jahre lang fortgesetzt hat. Allein der verfrühte Beginnbringt meist wirklichen Schaden. Die noch zu kindischen Knaben möchten im Zeichnen eine

*) Die abscheuliche und falsche FormZeichnenuntcrricht" (Zeichnenmappe, Zeichnenstundc re.),von schulmeisterlicher Halbwisserei aufgebracht, hat sich leider noch nicht überall ausmerzen lassen,obgleich durch Sprachgelehrte oft genug die Fehlerhaftigkeit der Form nachgewiesen worden ist.Wenn die Vertheidiger derselben die Jnconseguenz begehen, daß sie zwar das eben so häßlicheWortRcchnenunterricht" gebrauchen, aber dochSchreibheft, Malkasten, Turnlehrer" (nickt«Schreibenhcft, Malcnkastcn, Turnenlehrer") sagen, so führen sie zur Rechtfertigung an, hierseien Misverständnisse nicht möglich, welche dort nahe lägen. Die lächerliche Furcht, möchtejemand beiZeichcnstift" an irgend einen Stift zum Signalifiren, beiRechenübung" an einErercitium mit dem Heurechen denken, richtet sich von selbst. Wer übrigens solche Furcht nichtin bemustern vermag, könnte sich anZeichnungs- und Rechnungsunterricht" gewöhnen.