Wahrhaftigkeit.
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wollen nur den Lehrer durch so und so viel mit leidlich klingenden Sätzen vollgeschriebcneSeiten zufriedenstcllen. Wenn aber auch das volle Bewußtsein der Heuchelei fehlt, diePhrascnmacherei entwöhnt auch von der rechten Wahrhaftigkeit und die Nothlüge —denn in rechter Noth befindet sich der arme Junge — bleibt immer Lüge. MancherKnabe ist schon gescholten worden, weil er mit Widerwillen an den deutschen Aufsatzgieng, und die verzweifelte Klage „ich weiß aber nicht, was ich schreiben soll," war dochvielleicht weniger ein Ausfluß der Gedankenträgheit, als eine sehr berechtigte Auflehnunggegen das Ansinnen, Halbverstandenes zu schreiben, d. h. unwahr zu sein.
Hat man die Lüge nicht verhindern können, so suche man sie möglichst unwirksamzu machen. Allgemeine Regeln lassen sich hier sehr schwer geben, da bei jedem einzelnenFalle eine Menge der verschiedenartigsten Nebenumständc in Betracht kommen können.So viel versteht sich von selbst, daß man, wo entschiedener Verdacht vorliegt, keine Mühescheuen darf, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Daß man dabei mit Takt undVorsicht zu Werke gehen und es möglichst vermeiden muß, zu den alten Lügen noch neuehcrvorzurnfen, ist schon oben bemerkt.
Oft mag es rathiam sein, schnell auf den Sünder einzudringen, „ihn zu überraschenoder in Widersprüche zu verwickeln und dadurch zum Geständnis zu zwingen, aber ingewiß ebenso vielen Fällen ist es besser, ihm zur ruhigen Ueberlegung und Einkehr insich Zeit zu lassen, und zunächst nur, ohne ein Geständnis zu verlangen," durch Vor-stellungen ans seine Gemüthsstimmung einzuwirkcn. Je weniger verdorben der Zög-ling ist, desto mehr darf man von diesem Verfahren hoffen. — Wo die Lüge für diegewissenhafte Uebcrzeuguug des Erziehers erwiesen ist, da strafe er sie als solche, auchwenn das Eingeständnis fehlt. Ueberhaupt wird er ein förmliches Studium daraus zumachen haben, daß durch die Lüge möglichst wenig erreicht werde, und sie als nichtigund hohl, wie sie dies ihrem Wesen nach ist, auch in ihren Folgen sich erweise. ZweiSchülern fehlt am Ablieferungstage eine Arbeit. Der eine gesteht ein, daß er sie garnicht gemacht hat, der andre betheuert, sie verloren zu haben. Wie der Lehrer verfahrensoll, vermag ich ihm nicht unbedingt zu sagen, — denn es werden eben in jedem einzel-nen Falle sehr verschiedenartige Nebenmomente eine Modification der Maßregeln gebieten,und nirgends ist sckablonenhaftes Verfahren tadelnswcrther, als in der Pädagogik —,aber so viel liegt auf der Hand: Wird der erstere nach irgend einem Paragraphen ausdein Disciplinarcodex des Lehres rücksichtslos bestraft, während für den zweiten, weilihm nicht bewiesen werden kann, daß er lügt, die Sache gar keine weiteren Folgen hat, sowird das „dummer Junge, warum hast du es gesagt?" das nach der Stunde sicherlichnicht ausbleibt, wenn der Knabe nicht wirklich schon erhebliche sittliche Festigkeit besitzt,einen fast beschämenden Eindruck machen, und das nächstcmal wird er die Arbeit lieberauch verloren haben. In vielen derartigen Fällen wird es, wie schon bemerkt, angebrachtsein, auch ohne Eingeständnis eine strenge Strafe zu verhängen, wenn die Ueberzeugung,daß eine Lüge vorliegt, ganz feststeht, mit der einfachen Erklärung: „ich kann dir nichtglauben," wenn sie wenigstens den Zweifel überwiegt, auf Grund eines Ncbenumstandes,hier etwa der angeblichen Unordnung. Mag der Schüler immerhin merken, daß er ge-linder oder gar nicht gestraft worden wäre, wenn seine Entschuldigung Glauben fände,mag er immerhin zu Mitschülern oder zu Hause von Ungerechtigkeit reden, im Grunde
*) Ich erinnere mich aus der Zeit, da ich in einer Erziehungsanstalt wirkte, mit Freudenfolgenden Falles: Ein an sich nicht erheblicher Unfug mußte durch einen von vier oder fünfKnaben verübt worden sein. Keiner war verdächtiger, als die andern. Jeder versicherte seineUnschuld. Ich verfuhr in der angegebenen Weise und entließ, da es schon spät war, die Knabenauf den Schlafsaal mit der Aufforderung, daß sich der Schuldige am andern Morgen meldenMöge. Die Sache lag so, daß mir selbst der Erfolg sehr zweifelhaft war. Am nächsten Morgenaber erschien der eine der Knaben auf meinem Zimmer und erklärte, er habe in der Nacht wenigRuhe gehabt und wolle sein Gewissen erleichtern. Und der Vorfall blieb nicht ohne nachhaltigeEinwirkung auf ihn. Er wurde überhaupt offener und dadurch lenksamer.