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Wahrhaftigkeit.
falls seine Ehrliche selbst soweit nicht reicht, so legt er doch, wo ein Buch gestohlenworden ist, ein unumwundenes und wahrheitsgetreues Zeugnis gegen den Thätcr ab. —Leider pflegt in Schülerkreisen das Ehrgefühl nicht so rein und so richtig zu sein, daßes vor jeder Lüge zurückbebt. Auch werden die Einzelnen sich in dieser Beziehung sehrverschieden verhalten. Es ist eben Sache des Erziehers, dahin zu wirken, daß das Ehr-gefühl in richtige Bahnen gelenkt, daß es geläutert und gehoben wird. Je mehr ihmdies gelungen ist, desto wirksamer wird er an dasselbe auch zur Erzielung der Wahr-haftigkeit anknüpfen können. — Auch Vorhaltungen, daß der Lügner nothwendig dasVertrauen verscherze und, selbst wenn er einmal die Wahrheit sage, nicht auf Glaubenrechnen könne, werden einleuchtend sein. Den Knaben verleiten meist einseitige Verstandes-reflexionen zur Lüge; es wird sich also empfehlen, Reflexion gegen Reflexion zu setzen undihm zum Bewußtsein zu bringen, daß, was ihm vorthcilhaft erscheint, von andrer Seiteangesehen als sehr unzweckmäßig und schädlich sich erweist. Freilich wird bei derartigenErörterungen mehr auf ein Utilitätsprincip, als auf die höchsten Sittlichkeitsgründe zu-rückgegangen; aber man vergesse nicht, daß der Arzt Lei der Wahl seiner Mittel aufden Organismus des Patienten Rücksicht nehmen muß, und sittlich berechtigt sinddiese Hinweisungen ans den eigenen Vortheil des Zöglings, eben weil sie auf seinenwahren Vortheil gehen, nicht wie die Vorspiegelungen lügnerischer Schlauheit auf eineneingebildeten, der in Wahrheit der ärgste Schade ist. Die letzteren sind (formell betrachtetrichtige) Verstandcsschlüße, die von verwerflichen Prämissen ausgehen und darum auchzu einem verwerflichen Ergebnis führen, die erstercn knüpfen an ganz richtige Prämissenan und haben nur den Mangel, wenn mau das überhaupt Mangel nennen darf, daß siein der Kette von Schlüßen, die von den höchsten Principien bis zu dein einzelnen Fallehinabführen, nicht höher hinaufgreifen, als die Fassungskraft und Empfänglichkeit dessenreicht, dem die Belehrung erthcilt wird.
Tiefer gehende Deduktionen, seien sie philosophischer, seien sie religiöser Art, könnenals Präservativ- oder Erziehungsmittel gegen die Lüge nicht in Betracht kommen. Werdie erstcren versteht und, was die letzteren voraussetzen, in sich erlebt hat, ist über denStandpunkt hinaus, auf welchem sich sein Verhältnis zur Wahrhaftigkeit entscheidet under überhaupt noch der Erziehung durch andere bedarf. Sie können nur den bereitsentschieden auf die Wahrheit gerichteten Willen stärken und festigen, oder — was im Grundedasselbe ist — dahin wirken, daß gegen die Neigung und Versuchung zur Lüge auch inFällen, wo Wahrheitstreue irgendwie ein auch dem reiferen Geiste groß erscheinendesOpfer erheischt, mit heiligem Ernste gekämpft wird.
Bekanntlich wirken Aeußernngcn, die der Zögling gelegentlich von Erwachsenen hört,oft mehr als direct an ihn gerichtete Ermahnungen. Gut daher, wenn er, so oft in seinerGegenwart von irgend einem Fall der Lüge die Rede ist, warnimmt, daß dieselbe strengverurthcilt, nicht etwa belächelt wird.
Zur Verhütung der Unwahrhaftigkeit gehört auch, daß man den Zögling nie ver-anlasse, Empfindungen zu äußern, die er nicht hegt, Gedanken auszusprechen, die er nichthat. Man verlange von dem munteren Knaben nicht sentimentale ZärtlichkeitSbezeugungcn,nicht Aeußerungen religiöser Zerknirschung von dem Kinde, dem das Bewußtsein derErlösungSbcdürftigkeit noch nicht aufgcgangen ist (vgl. Bd. VI. S. 71), nicht mora-lifirende Tiraden von dem Gymnasiasten, der das Leben und seine Pflichten noch nichtkennt.*) Dies alles führt zur Heuchelei, daö letztere nur darum nicht in dem Grade,als man fürchten sollte, wenn man Schüleraufsätze über unglücklich gewählte Thcmateliest, weil die meisten Schüler, die dergleichen Aufgaben zu bearbeiten haben, wenigdaran denken, daß, was sie' schreiben, ein Ausdruck ihrer Gesinnung sein soll. Sie
*) Auch die Anwendung gcwißer conventionellex Höflichkcitsformelrr fordre man nicht zufrüh von dem Kinde. Es muß bitten, danken und die Tageszeit bieten. Der Widerwille, mitdem sich gerade unverdorbene Kinder zu bloßen Höflichkeitöphrasen zu entschließen Pflegen, giebthier einen bedeutsamen Fingerzeig.