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Wahrhaftigkeit.
Knabcnlüge gegenüber und betrachte sie nicht als einen Fehler, der später von selbstsckwindcn werde. Sie wird, wo ihr nicht entgegengearbeitet wird, mit den Jahren nurdarum seltener, weil der Verstand des Lugners schärfer wird, und er die Fälle, in denenEntdeckung unvermeidlich oder voraussichtlich mit unverhältnismäßig großen Nachtheilenverbunden ist, besser zu unterscheiden weiß, sie wird seltener, aber rafstnirtcr, seltenervielleicht als Wortlüge, aber die ganze Gesinnung ist vergiftet und voller Falschheit.Und wie schon oben erinnert, wie viel andre Schuld und Schlechtigkeit wuchert mitder Lüge und unter ihrem Deckmantel empor aus der Kindheit in das reifere Alter!
Wie hat mm die Erziehung ihrer Todfcindin, der Lüge, entgcgenzuwirken? OhneZweifel vor allem dadurch, daß sie dieselbe möglichst verhütet. An Mitteln dazu fehltes wahrlich nicht, aber leider sind die Versuchungen zur Lüge so zahlreich und so man-nigfalrig, ist die Lüge selbst ein so auserwähltes Rüstzeug des Bösen, daß ein Erzieher,der sich rühmen wollte, er habe sie ganz und gar verhütet, ebenso gut mit pharisäischerVermessenheit für Lüge Sünde setzen könnte. Und dasselbe gilt natürlich von dem, dersagt, er habe in seinem Leben nie gelogen. Auch ist unter den Mitteln kaum eines,das nicht durch ungeschickte und unzeitige Anwendung seine Wirksamkeit verlieren, jaschädlich werden könnte. Aber vor dieser Schwierigkeit des Kampfes kann nur derjenigemuthlos zurückbeben, der nicht weiß, daß das ganze irdische Leben ein Kampf ist, hoff-nungslos ohne den Glauben an künftige Vollendung, hoffnungsreich, ja siegesgcwiß in undmit demjelbeu. Den Christen kann daher die Schwierigkeit nur wachsam, nicht zaghaftmachen. Und dann gilt auch hier das horatianischc: est gunänm xroclirs tsnus, si m»äntmr ultra. Daß die Lüge zum Laster wird, kann sehr wohl verhütet, daß der Zöglingselbst sie aufrichtig bereut und verabscheut, sehr wohl erreicht werden.
An die Spitze von allen Mitteln zur Verhütung der Lüge ist nun Wahrhaftigkeitund Aufrichtigkeit des Erziehers selbst zu stellen, schon deshalb, weil sie unerläßlicheBedingung für die Wirksamkeit aller übrigen Mittel ist. Beispiele wirken bekanntlich inder Regel weit mehr als Lehren. Wahrheit muß die Atmosphäre sein, in der die SeeledeS Kindes athmet. Die Dame, die dem Töchtcrchcn oder in seiner Gegenwart demDienstmädchen zürnst: „sage, Mama ist nicht zu Hause," verdient selbst die Schläge,mit denen sie vielleicht am nächsten Tage eine von dem Kinde ihr aufgcbundene Lügezüchligr. „Daß nur der Vater das nicht etwa erfährt," heißt es heute, und morgenherrscht Verwunderung und Entrüstung, daß die Mama auch einmal etwas nicht hat er-fahren sollen. Aehnlichcs kommt leider täglich vor. — Mehr Beispiele aufzuführen istüberflüßig, da hier eine Anforderung an die Gesinnung des Erziehers gestellt wird, ansder sich das Einzelne von selbst crgiebt.
Weiter ist anzuführcn möglichst sorgfältige Beaufsichtigung und Beobachtung desKindes, so daß dasselbe keine Geheimniste haben kann. Mit der Schlangenklugheit, diehiezu erforderlich ist, muß aber auch Arglosigkeit verbunden sein. Wittern, wo keineSpuren sind, heißt dem Kinde selbst auf die Spur zur Lüge helfen, und wenn cs un-begründetes MiStraucn erfährt, kommt es durch eine Art von natürlicher Erbitterungleicht dazu, den Grund nachzuliefern. In vielen Fällen wird sich ferner empfehlen, woman die Versuchung zu lügenhafter Antwort als groß erkennt, lieber gar nicht zu fragen.Dergleichen Fälle kommen namentlich in der Schulpädagogik häufig genug und in ver-schiedenster Art vor. Derselbe Schüler, der sich eine Ermahnung, künftighin diePräparation nicht zu unterlassen, ruhig gefallen läßt, hätte die für die Uebcrzcugung desLehrers völlig überflüßige Frage: „hast du dich präparirt?" in der Angst vielleicht mitJa beantwortet. Und wo man zu fragen hat, — denn natürlich kann und darf das invielen Fällen nicht unterbleiben — wird der geschickte Erzieher durch die Art der Frag-stellung ebenso sehr der Lüge vorzubeugen wissen, wie sie der ungeschickte hcrbeizieht.Namentlich wo es sich darum handelt, Zeugnis für oder gegen einen Mitschüler abzu-legen, ist schon mancher sonst aufrichtige Knabe durch Taktlosigkeit des Inquirenten da-hin gebracht worden, sein Gewissen mit einer Lüge zu belasten. Weise Milde bei aus-