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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
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Wahrhaftigkeit.

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Wie kommt nun das Kind dazu, von der Wahrheit abzuweichen? Auf zwei Arten,von denen aber die eine sehr viel gefährlicher ist, als die andere: 1) durch die Phantasie,2) durch den Verstand. Die erstere kann in der unentwickelten Seele so mächtig werden,daß das Kind die Gebilde, welche sie ihm, vorgaukelt, von der Wirklichkeit nicht zuunterscheiden vermag. Wo dies im vollsten Maße zutrifft, liegt gar nicht Lüge vor,sondern ein Jrrthum, der sich von jedem andern nur durch die Art seiner Entstehungunterscheidet. Man sieht aber leicht, daß, wenn die Phantasie so große Macht hat, sieauch da, wo sie die Erkenntnis des Kindes nicht ganz verdunkelt und überwuchert, dochleicht eine Neigung erzeugen kann, ihre Gebilde mehr oder minder bewußt und absicht-lich als real unterzuschicbcn. Diese Art der Unwahrhaftigkeit, die sich vielfach in scherz-hafter Weise geltend macht, ist verhältnismäßig harmlos, denn wenn sie auch nur da, wodie Absicht vorliegt, der Täuschung bald ein Ende zu machen und keinerlei Gefahr vonder letzteren zu besorgen ist, als ein allenfalls erlaubtes Spiel gelten kann, so bleibtsie doch immer ein Spiel, weil und so lange sie keinen Zweck außer sich selbst hat. Ge-fährlich wird sie nur dadurch, daß sie einerseits in dem Kinde die Achtung vor der Wahr-heit nicht recht aufkommen läßt, andrerseits cs in der formalen Fertigkeit zur Versteckungund Umgehung der Wahrheit übt. Der Erzieher wird die Phantasie des Kindes wieüberhaupt, so auch nach dieser Seite hin zu überwachen haben; er hüte sich aber, Bös-willigkeit anzunehmen, wo in Wahrheit nur eine Geisteskraft spielend übersprudelt undmit dem allmählich fortschreitenden Wachsthum auch anderer Kräfte sich das Gleichgewichtvon selbst wieder herstellt.

Die Hauptfeindin aller Erziehung dagegen ist die durch den reflectirendcn Verstanderzeugte Lüge, die sich eines außer ihr liegenden Zweckes sehr wohl bewußt ist. Sobalddie Reflexion in dem Kinde erwacht, entdeckt es, daß cs von seinem Willen abhängt, ob esdie Bestimmungen seines Inneren aus sich heraustreten lassen will, und daß namentlich dieSprache ebenso gut dazu gebraucht werden kann, die Wahrheit zu verheimlichen und zuentstellen, als sie getreulich darzulegen. Sobald nun irgend eine Erwägung das erstereals vorthcilhaftcr erscheinen läßt, ist die Lüge da. Und in solche Lagen, in denen seinembeschränkten Gesichtskreise und seinem unentwickelten Geiste gerade im Lichte des Ver-standes die Lüge vortheilhaft erscheinen muß, kommt jedes Kind nothwendig. Je besternun die erste Lüge glückt, desto größer die Versuchung und die Fertigkeit zur zweitenund dritten und so fort. Ist so das Lügen zum Laster geworden, so hat sich das Herzdes Kindes in ein Netz eingesponncn, das, mag es dem Erzieher auch hie und da ein-mal gelingen, eine ungeschickt angelegte Masche zu zerreißen und Ermahnungen und Straf-eindrücke als Mittel gegen all das böse Gewürm, das im Innern wimmelt, hineinge-langen zu lassen, doch immer wieder zugeflickt und allmählich dem Auge des Erziehersimmer undurchdringlicher wird. Man hat die Lüge mit Recht als eine besonders demKnabenalter der Zeit zwischen der eigentlichen Kindheit und den Jünglingsjahreneigene Sünde bezeichnet, und das ist richtig, insofern die Versuchung zu ihr auf dieserLebensstufe sicherlich am größesten ist, allenthalben treten an den Knaben Gebote und Verbotemit zum Theil recht unbequemen Zumuthqngen heran, zu deren Abwehr sich ihm die Lügeals neuentdeckte Waffe darbietet. Zugleich ist der Verstand so weit entwickelt, daß erdiese Waffe zu führen, die Lüge zu gebrauchen weiß, aber nicht weit genug, um ihn er-kennen zu lassen, wie oft sie nur für den nächsten Augenblick hilft und auf die vorhan-dene Verlegenheit neue größere häuft. Wenn dem nicht so wäre, würde nicht oft vonKindern so erstaunlich plump und unklug gelogen werden. Auch insofern wird vonKnaben und Mädchen in dem bezeichnetcn Alter am meisten gelogen, als es denn dochgelingt, manche von ihnen zu bessern, und die Zahl der so dem Laster entzogenen An-hänger nicht aus anderen Lebensstufen ersetzt wird. Denn der Fall, daß der in derJugend Wahrheitsliebende später zum Lügner wird, ist verhältnismäßig selten, und kommtnur im Gefolge anderer Laster vor. Aber man sei darum ja nicht sorglos der

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