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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Wahrhaftigkeit.

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die Erziehung überhaupt nur gedeihen kann, und zwar in doppelter Beziehung. Erpensmuß doch vor allein der Erzieher den Zögling genau kennen, wenn er heilsam auf ihneinwirkeu soll. Gelingt cs diesem, ihn irgendwie über sich zu täuschen, so tappt er imDunkeln und wendet, wie der Arzt, welchem der Patient ein wicbtigcs Symptom ver-heimlicht, in gutem Glauben Mittel au, die mehr schaden als helfen. Im vollsten Maßegilt dies, wenn der Zögling ein fertiger Heuchler ist, aber auch jede einzelne unentdeckteLüge schasst ein Versteck in der Seele desselben, in welches der Erzieher nicht eindringt. Zweitens aber ist Wahrheitsliebe für den Zögling selbst das beste Schutzmittel gegenmancherlei Sünde. Man denke sich zwei Kinder in äußerlich gleicher Versuchung etwasböseS zu thun. Dem einen ist die Lüge geläufig, das andere aber scheut dieselbe unddenkt:wie aber, wenn du nachher gefragt wirst?" Welches wird sicherer unter-liegen? und wenn beide unterliegen sollten, welches mit größerem Schaden für seineSeele? Welches wird sich am ehesten wieder aufrichten?- Diese schützende Kraft hatin ncnncnswerthcm Maße neben, oder vielmehr mit der Wahrhaftigkeit nur noch dieLiebe. In diesen beiden ist, wie Schleiermacher sagt, das ganze Geheimnis der Erziehungbeschlossen.

Jede positive Bedingung eines Gegenstandes kann auch als Mittel zu seiner Her-stellung aufgefaßt und benutzt werden, also die Wahrhaftigkeit auch als Erziehungs-mittel. Der Erzieher, dem es gelingt, seinen Zögling wahrheitsliebend zu erhalten,macht sich dadurch die Erziehung überhaupt viel leichter. Die Wahrhaftigkeit dient aberauch noch in einem andern wir möchten sagen höheren Sinne dem Zwecke allerErziehung, insofern sie nemlich auch zum Streben nach Wahrheit im eigenen Denkenund Sein treibt (vgl. Deinhardt in der oben angeführten Schrift S. 25 ff.). Wer essich zum Gesetze gemacht hat, daß seine Worte und Handlungen stets ein getreuer Aus-druck der Bestimmungen seines Geistes sind, der wird nicht bloß, wie schon gesagt ist,bestrebt sein, daß es nichts unlauteres ist, was er an's Licht zu bringen hat, also nichtbloß aus einer Art von Furcht besser werden, sondern er wird nothwendig auch auf dieobjcctive Wahrheit, die Uebereinstimmung seines T enkeus mit dem Sein der Dinge undebenso die Uebereinstimmung dessen, was er ist, mit dem, was er in seiner Sphäre seinsoll, einen ganz anderen Werth legen, als derjenige, der die erkannte Wahrheit so ge-ring achtet, daß er sie verleugnet. Der Wahrhaftige wird auch den Jrrthum und dieUnzulänglichkeit mehr fürchten als der Lügner. Diese erhebende und veredelnde Kraftder Wahrhaftigkeit können wir in den alltäglichen Verhältnissen und in den idealstenGebieten des menschlichen Seins an negativ und positiv beweisenden Beispielen verfolgen.Wer Gelegenheit gehabt hat, gewohnheitsmäßige Lügner zu verhören, wird wargenommcnhaben, in wie erstaunlichem Grade ihre Fähigkeit, den wirklichen Sachverhalt streng auf-zufassen und festzuhalten, geschwunden ist, so daß, selbst wenn sie einmal die Wahrheitsagen wollen, mit ihrer Aussage nicht viel anzufangcn ist. Natürlich! Warum denn dasgenau beobachten und sich einprägen, worüber sie doch zu sagen gewillt sind, nicht,was wirklich geschehen ist, sondern was ihnen gerade Paßlich und vortheilhaft dünkt?Wie ein ganzes Volk, wenn ihn: der Sinn für Wahrhaftigkeit abhanden gekommen ist, inunerhörte und verderbliche Selbsttäuschung und Verblendung verfallen kann, hat die Ge-schichte des deutsch-französischen Krieges gelehrt. *) Andrerseits das rastlose Strebender berühmtesten Gelehrten nach Vertiefung ihrer Erkenntnis, die Strenge, mit der wahr-haft sittliche Menschen auch im Kleinsten über sich wachen, die Demuth, in welcher sieihre eigene Unvollkommenheit fühlen, haben sie nicht alle wenigstens eine ihrer Wurzelndarin, daß jene Geister gelernt haben, den Schein als nichtig zu verachten und alleinauf das Sein Werth zu legen?**)

*) Ueberhaupt manches über die Lüge, ihre unheimliche Macht und ihre Ohnmacht!

Daß hier übrigens eine Wechselwirkung Statt findet, also der höhere Grad intellektuellerund sittlicher Bildung auch wieder der Wahrhaftigkeit zu gute kommt, versieht sich als eine inder Psychologie immer wiederkehrende Erscheinung von selbst und thut dem Gesagten keinen Eintrag.