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Wagncr.
Indessen erkannte Wagncr nunmehr allmählich die Mathematik selbst nicht mehr alszureichende AnSdrucköform sür die Ideen, und fand, daß sich dem Leben, mit welchem sichdie Mathematik beseelen ließ, auch ein lebendiger Ausdruck gebühre. Demgemäß ar-beitete er nun daran, die höchste Form der Erkenntnis im klaren Worte festzustcllcn undder Welt darzubictcn, um hicmit seine philosophischen Forschungen zu schließen und „diePhilosophie formell zu vollenden."
Was er so errungen, hat er dargelegt in seinem Organon der menschlichenErkenntnis (Erlangen 1630. Neue Ausl. Ulm 1651). Die Logik hatte ihm stetsungenügend geschienen, um mehr als relative Verbindung der Begriffe zu Staude zubringen; die Mathematik hatte ihm für die abgeschlossene Architektur der Welt und ihrerErkenntnis so lange gegolten, bis der Dualismus der Arithmetik und Geometrie dieIdee ihm erschloß, daß der einheitliche Ausdruck über die Mathematik selbst hinausliege;so sprach er denn jene Form im lebendigen Worte aus und entwickelte aus den durch ihrschematisches Verhältnis anschaulich gemachten Grundideen das System der Kategorien (Nabusa. a. O. S. 17). Dieses stellt der erste Abschnitt als Weltgesetz auf (tabula iäoarum),
— der vierte zeigt dann in einer Wclttafcl (tabula rsrum) die Ncalisirung des Welt-qesctzcs im großen. Er selbst sagt von diesem Werke (Vorrede und Einleitung znmOrganon S. IV.), daß cs nnn die beiden bisher bekannten formalen Wissenschaften, Logikund Mathematik, in die wahren und einzigen höheren Formen auflöse, und so die Wissen-schaft für immer vollende. Solches Sclbstbewußtscin zu äußern war damals, wie auchschon früher, den Philosophen wie ein natürliches Bedürfnis; von Hegel ist Achnlichesbekannt, und auch Schclling sagte in der Schrift über die samothrakische Göttin, daherkünftig welthistorische Arbeiten liefern werde, wie denn auch er die Vollendung derWissenschaft beständig versprochen hat.
Wenn nun im Vorangehenden und im Folgenden überhaupt manches fremdartiganmnthcn mag, was im ersten Viertel unseres Jahrhunderts als tiefe Weisheit erschien, ^so müßen wir bedenken, daß der uaturphilosophischcn Periode eine Art von orakelhafterSprache eigcnthümlich war. 11m Gcmcinvcrständlick'keit war cs jener Zeit gar nicht zuthu». Ja es nimmt sich wie harmloser Humor aus, wenn Wagner (a. a. O. S. 330)selber sagt: „Wenn einst die Nachwelt mich und mein Werk versteht, so mag cs auch ^
bekannt werden, daß ich drei Jahre gebraucht habe, bis ich mein eigenes Buch verstand"
(cS ist die Philosophie der Mathematik gemeint). Hat nicht ein später gekommenergroßer Philosoph seinerseits gesagt, nur einer seiner Schüler habe ihn verstanden und derhabe ihn misvcrstandcn?
In jene Höhen oder Tiefen des Schelling'schcn „Urgrundes" oder „llngrundes,"und in die formale Vollendung der Wissenschaft werden wir uns hier nicht vertiefenmüßen, nicht bloß weil Wagner erklärt, die Philosophie, unzulänglich für die Erkenntnisdes Absoluten, habe cs nur mit der Ordnung der endlichen Dinge zn thun, und dieIdee der Gottheit sei über alles erhaben, sondern auch, weil hier nicht Raum ist, seinSystem zu entwickeln uno zu kritisircn. Zur Prüfung desselben cinznladen aber vermagvielleicht weniger ein Versuch einer Darstellung desselben in nuoo, als das Unheil einesso geistvollen und originellen Forschers wie W. H. Niehl, dessen klare Anschauungenauch die Encyklopadie vielfach zu citireu Gelegenheit gehabt hat. Er sagt in seinerNaturgeschichte des Volks, I. Bd. S. 13: „Als eine merkwürdige Erscheinung in dieserRichtung" (es hanüetl sich um die bedeutenden Männer, welche die Wichtigkeit einer na-turgeschichtlichen Analyse ocö Volksthums geahnt haben) „will ich nur einen Mann hcr-vorhcben: den Philosophen Johann Jakob Wagncr. Er wird uns vielfach in einemandern Lichte erscheineil als seinen Zeitgenossen, denn wie mir bcdünkt, beruht das Ans-zcichnende dieses Mannes weniger in dem geschlossenen Organismus seines Systems, alsin den allseitigen Anregungen, mit welcher er die wissenschastlichen Strebungen einerZukunst, die uns nunmehr zur Gegenwart geworden ist, vorgedeutet hat. Er ist einProphet unter den Philosophen seiner Zeit gewesen, wie Moser unter den Publicisten.