Vorsätze.
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wenn man sich seiner auch erinnert, doch durch das Gelüste im Moment der Versuchung,durch die Macht der Leidenschaft außer Wirkung gesetzt werden kann, gerade in demAugenblick, da er wirken, da er dem Willen einen Halt geben sollte, ist die leidige Er-fahrung bei Alten n»d Jungen; aber die Erinnerung an den Vorsatz wird dann dochdas Gewissen energischer in Bewegung setzen, man schämt sich dann um so eher vorsich selber, daß man, was man selber gewollt, nun erst nicht gcthan habe. Aber ebendiese Schwäche macht uns für uns selber, wie als Erziehern für unsere Zöglinge, denGlauben an einen göttlichen Beistand, an eine göttliche Kraft desto werthvoller, durchdie dem Vorsatz eine durchschlagende, siegende Wirkung verliehen wird und die durch'sGebet zu erlangen ist. Wie übrigens die dens Vorsätzen verwandten Grundsätze, dieLebensmaximen, nur dann einen Regulator der Sittlichkeit abgeben, wenn sie zusammcn-gehaltcn werden durch einen Urgrundsatz, welcher das ganze Leben umfaßt, welchernicht bloß auf einzelne sittliche Zwecke sich bezieht, sondern dem ganzen Leben seine festeRichtung, seinen, einheitlichen Charakter gicbt: so hängen auch alle Vorsätze in der Luft,wenn ihnen nicht ein fundamentaler Vorsatz zu Grunde liegt, der nichts andres ist, alswas das Christenthum die Bekehrung oder bildlich das Aufstehcn vom Schlafe, tieferund umfassender die neue Geburt neunt. Wie die christliche Ethik keine Tugend lehrt,die in der Beobachtung einer Menge von Sittenrcgeln bestünde, sondern wie sie einLeben pflanzt, aus dem als organische Gewächse alle einzelnen Tugenden in größterMannigfaltigkeit hervorgehen: so sind auch in dem einen Vorsatz — den die Kirche pä-dagogisch zugleich und liturgisch im Acte der Confirmation (s. d. Art.) fixirt hat, —in dem Vorsatz: ich will als Christ leben und sterben, alle Einzelvorsätze enthalten,sind nur Anwendungen desselben auf alle einzelnen Lebensverhältnisse und Vorkomm-nisse, eben damit aber auch Beweise von der Realität und Gediegenheit jenes Ur-vorsatzes. Aber eben darum werden sie durch diesen nicht überflüßig gemacht; auch derentschieden christlich-gute Wille, wenn er seine Zwecke nur im allgemeinen festhält, kannim einzelnen schwach sein oder fehlgrcifen; auch der Christ kann z. B., je nachdem seinTemperament beschaffen ist, im einzelnen Fall, wo er ein Unrecht empfindet, aufbrau-send und dann im Reden nicht mehr wählerisch sein — da gilt's, den Vorsatz zu fassenund täglich zu erneuern: ich will mich nicht mehr vom Zorn übermanncn lassen. AusVorsätzen bcrnht namentlich alles das, was wir zur christlichen Sclbsterziehung (zurAscese) zu rechnen haben; ich wappne mich gegen meine eigne Schwäche, meinen Wankel-muth u. s. s., indem ich mir Vorsitze: ich will von nun an mehr in die Stille michzurückziehen, ich will täglich ein Capitcl der Bibel lesen u. s. w. Und da die Er-ziehung ihren Zögling ja eben zur künftigen Selbsterziehung vorbereiten soll, so wirdin den mannigfachsten Beziehungen der Erzieher seinem Zögling sagen: nimm dir ein-mal ernstlich vor, alle Tage um die und die Zeit aufzustchen; nimm dir vor, keine Ar-beit anstehen zu lassen bis zum andern Tag; nimm dir vor, alles, was du schreibst,Pünctlich und schön zu schreiben n. s. w. Das giebt auch dem Knaben eine Ahnungdavon, wie am Ende doch, abgesehen von göttlichem Segen, alles an seinem Wollenliegt; es läßt ihn die Kraft und die Bedeutung seines Willens erkennen. — Die Phi-lanthropisten haben einst Tagebücher zu führen gerathcn, die dann insbesondere denguten Dienst zu leisten versprechen, jeden an die einmal gefaßten Vorsätze zu erinnern.Ist das aber in Wirklichkeit selbst bei Erwachsenen ein sehr zweifelhaftes Mittel, daman sich sehr leicht gewöhnt, auf die eine Seite des Blattes überaus schöne Vorsätze,auf die andere ebenso schöne, womöglich noch rührendere Klagen, ja Bußlitaneien überdas Nichthalten derselben zu schreiben, und schließlich die liebe Eitelkeit in beidcm sichspiegeln zu lassen: so wäre bei Kindern und halbgewachsenen Jungen solch ein Journalüber die eigene Seele geradezu unnatürlich — wäre eine systematische Gewöhnung andas Aussprechen herrlicher Vorsätze, in denen schon die reservatio mentalis steckte, daßdie Wirklichkeit doch niemals der Idee entspreche. Ist der Zögling noch nicht reif und
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