Druckschrift 
10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
Seite
165
Einzelbild herunterladen
 

Lolksschullchrerscminar.

165

Gründliches Wissen und allseitigcs Können sind die nicht zu unterschätzenden Früchtedieser Art der Bildung." Allerdings wünscht er weiterhin eine Erweiterung des Lehr-stoffes in Bezug uns die deutsche Literatur, er bezeugt aber sofort wiederdie vortreff-liche Pflege," welche die Geschichte der Pädagogik in dem von ihn: besuchten Seminarefür Stadtschulen zu Berlin findet. Dieses Zeugnis eines liberalen, in weiten Kreisenhochgeachteten Schulmannes wird hoffentlich dazu beitragen, Vorurtheile zu überwindenund eine sachliche Bcnrthcilung der Frage zu erleichtern. Diese ist aber im Grunde keineandere als die um das formelle und das materielle Lehrprincip. Wie sich die dreipreußischen Regulative überhaupt auf das formelle Lehrprincip gründeten, nur mit derMaßgabe, daß sie dieses tiefer anffaßten, als cs gemeinhin geschieht, und nicht einseitigeVerstandesbildnng, sondern Erziehung des inncrn Menschen überhaupt forderten, so stellteauch das erste derselben mit Entschiedenheit die formelle Bildung des angehenden Lehrersin den Vordergrund. Es dürfte schwer sein, die Nothwendigkeit der Seminarbildnng zurechtfertigen, wenn man ihr gerade diese Basis entzieht. Kenntnisse lassen sich in jederBürgerschule gewinnen. Sie selbständig durchdringen, sie mit einander verbinden, sieeinfach und klar und dabei doch gefällig rcprodnciren, das ist cs, was der Lehrer zulernen hat. Er muß dazu erzogen werden, daß er seines Gedächtnisses Herr sei, daßihm das Nächste und das Fernste da diene, wo er sein bedarf. Er muß Heimat habenin den Seelen der Lernenden und wissen, wie man das Nene dem Alten, das Unbekanntedem Bekannten verbindet. Er muß den Vorstellungskrcis seiner Schüler kennen undwissen, Wie er zu erweitern sei. Darum ist der Seminarunterricht beständige Geistes-gymnastik (wie sie z. B. Löschke in seiner Schrift: das Streben des Breslauer evange-lischen Schnllehrcrseminars, sehr lebendig beschrieben hat). Mit unerbittlicher Strengewird in demselben auf Correctheit und ans Deutlichkeit des Ausdrucks gehalten. DerOberflächlichkeit, der Phrase, der Unbestimmtheit wird der Krieg gemacht; jede Redensart,hinter die sich Nichtwissen oder Halbwissen flüchtet, wird abgewicsen. So reicht in demUnterrichte, der bei dieser negativen, kritischen Thätigkeit nicht stehen bleiben darf, derMann dem Jüngling seine Hand, daß sich dieser strecke und zu ihm heranwachse; er-weckt die schlummernden Kräfte, er löst das Halbdunkel der Seele auf und führt siezur Klarheit; er hilft den rechten Ausdruck finden und leitet endlich zum zusammen-hängenden Lehrvortrage an. Solches Gcistcstnrnier kann nicht gehalten werden, ohnebas positive Wissen des Seminaristen zu bereichern, ohne ihn vor immer schwierigereAufgaben zu stellen, und dadurch seine Kraft zu stählen und sein Interesse zu erhöhen,das ja bei der mühelosen Wiedergabe längst bekannter Dinge bald ermatten würde.

Jetzt, wo durch die neuen Ordnungen der Lehrarbeit der Seminare weitcrgchendeZiele gesteckt und die Beschränkungen der Regulative beseitigt sind, wird sich dieAnerkenntnis für die Entschiedenheit, mit der das erste Regulativ das formelle Lehr-princip vertritt, hoffentlich allgemein Bahn brechen.

Es ist hier die Stelle, auch einem andern Einwand gegen die preußische Scminar-praris zu begegnen. Stoy schreibt S. 36 seiner mehrfach citirtcn Brochüre:Für dieVorschrift einer verderbten Seminarpädagogik, daß die Unterrichtsgcgcnstände womöglich in derselben Form und nach derselben Methode vorgetragen werden sollen,von welcher die Seminaristen bei ihrer spätem Thätigkeit in der Volksschule Gebrauchmachen werden, ist im Bieliher, wie in jedem echten Seminar kein Raum. DieForm und Methode des Unterrichts im Seminar soll sich lediglich nach der Naturder Lchrobjecte und dem geistigen Standpuncte der betreffenden Classcn richten." Eswenden sich diese Worte gegen eine Bestimmung des preußischen Reg. vom 1. Oct.1854, gegen welche ein andrer Herbartianer, Dr. Barth olomäi, im ersten Jahrgangdes Ziller'schen Jahrbuchs für wissenschaftliche Pädagogik eine besondrc Abhandlunggerichtet hat, und mit welcher sich auch meine Freunde an den württcmbergischen Se-minaren nicht zu befreunden vermögen. Die angefochtene Stelle lautete im Zusammen-hänge :Weiter muß der Seminarnnterricht im ganzen nach denselben Grundzügen