Druckschrift 
10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

Volksschullehrerscminar.

61

herbei, welcher es unternahm, einen Zweig des Mindener Seminars nach Pctershagenzu verpflanzen und dort zu pflegen; die Verbindung mit dem jungen Hausprcdiger G.L. F. Gieseler in Haddenhausen gab ihm die Möglichkeit zu Ausführung seines Planes.Er hatte diesen in der nahen Schule zu Biemke kennen gelernt. Gieseler besuchte dieselbe oft,nahm dem Lehrer zu dessen Freude manche Unterrichtsstunde ab, „ersann neue Untcr-richtsweisen" und wendete sie an. So erfand er zur Erleichterung beim ersten Lese-unterrichte eine Lesetafel, welche nachher zu Leipzig unter dem Namen: Lescmaschine ver-bessert und ins Publicum gebracht wurde. Die Schule machte durch Gieselcrs Thätig-keit treffliche Fortschritte und als der Lehrer starb, übernahm der Hausprediger denganzen Unterricht. Westermann zog ihn als zweiten Pfarrer nach Petcrshagcn und machte,nachdem er sich mit ihm verständigt hatte, dem Könige unter ausführlicher Begründungfolgende Vorschläge:

1) Daß jährlich zu Ostern zwei der ältesten Seminaristen in Minden aus ihrerDienstverbindung träten, um sich ein Jahr lang zu Petershagen aufzuhaltcn, da sicdann nach Verlauf desselben, wenn sie noch nicht befördert werden sollten, sich bis dahinwieder vermiethen könnten. Diese zwei Seminaristen erhielten für das Jahr, das siehier zuzubringcn hätten, aus den Kirchen- und Armenkassen der beiden Provinzen jeder30—40 Thaler zu ihrem nothdürftigen Unterhalt. Es waren aber, exclusive der unmittel-baren Städte, 35 Kirchspiele im Fürstenthum Minden und 27 in der Grafschaft Ravens-berg, daher von jeder Kirche nicht viel über einen Thaler beigetragen werden durfte.

2) Daß öffentlich bekannt gemacht würde, daß Eltern, die ihre Söhne dem Schul-dienst widmen, oder Gönner und Beförderer des Schulwesens, die junge Leute dazuvorbereiten lassen wollen, dieselben jährlich zu Ostern hierher schicken könnten, wo sie,wenn sie fähig befunden, den nöthigen Unterricht umsonst erhalten sollten, so daß nur fürihre Alimentation gesorgt werden dürfte, da sie, wenn sie so weit gekommen, daß sie sichselbst weiter forthclfen können, gegen Erlegung der 10 Thaler Receptionsgelder zurMindcn'schen Seminarkasse, sich der Hoffnung, zu königlichen Patronatstellcn befördertzu werden, zu erfreuen haben sollten, und

3) daß denjenigen, die ohne Seminaristen gewesen zu sein, zu den Stellen, dienicht über 60 Thaler rentircn, in Vorschlag gebracht werden, zur Pflicht gemachtwürde, sich einige Wochen hier aufzuhalten und vorbereiten zu lassen, bevor sie zumExamen admittirt werden, da sic denn den Unterricht frei haben sollten, sie selbst aberoder die Commünen, die sie begehrten, für ihren Unterhalt sorgen müßten. Doch hättensich diese eben auch vor ihrer Aufnahme einer Prüfung ihrer Fähigkeiten und bereits er-langten Tüchtigkeit zu unterwerfen. Michaelis 1792 erfolgte die Eröffnung des Semi-nars zu Petershagen. Pfarrer Gieseler berichtet über dieses: Die beiden ältesten Se-minaristen, welche ihre Dicnstverbindungen aufgcbcn und nach Petcrshagcn kommen, er-halten jeder ein jährliches Stipendium von 40 Thalcrn, welche 80 Thaler aus den Kir-chen- und Armenmitteln des Fürstenthums und der Grafschaft aufgebracht werden.Außer diesen zweien finden sich immer noch einige Jünglinge, die auf ihre Kosten sichhier aufhalten, um den Unterricht zu genießen. Die anzusetzenden Nebenschulmeister aufden ganz schlechten Stellen, welche durchaus ungebildete Subjecte sind, werden künftig,so viel als möglich, auf einige Wochen oder Monate herzukommen verpflichtet werden.Der zweite Prediger allhier ertheilet allen diesen Seminaristen täglich Vor- und Nach-mittags einige Stunden in der Religion und anderen nöthigen Wissenschaften, besondersaber auch in der Methode des Schulunterrichts. Auch besuchen sie Mittwochs die Kin-derlehre des Consistorialraths, stellen am Schlüsse abwechselnd eine Probe im Katechismenan und erhalten von Zeit zu Zeit Aufgaben zur schriftlichen Bearbeitung. Mühsamwird dieser Unterricht freilich durch die Ungleichheit der Subjecte, indem einige ganz roh,andere mehr oder weniger gebildet, einige jung, andere schon über 30 Jahre alt Herkom-men. Ueberdem kommen und gehen die meisten, wie es ihre Umstände mit sich führen,so daß manche nur einige Monate, manche aber mehrere Jahre hier bleiben. Die an-