Druckschrift 
10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
Seite
20
Einzelbild herunterladen
 

20

Volksschule.

mm ist, und in der That, wenn man sich vergegenwärtigt, mit wie mancherlei undgroßen Schwierigkeiten hier zu kämpfen war, so kann man nicht anders als mit tiefemRespect an jene Persönlichkeiten und ihre bahnbrechenden Leistungen denken. Gerade übri-gens auf die Art und Weise, wie in Oestreich die Sache behandelt wurde, wo die schul-freundliche Kaiserin so entschieden es aussprach:das Schulwesen ist und bleibt allezeitein politienm" (v. Helfert a. a. O. S. 117), zeugt mit für unsere oben gemachte Re-striction bezüglich der Behauptung, daß die Volksschule eine Tochter der Kirche sei. DieThatsachen zeigen uns, wie hinkend diese Vergleichung ist. Aber auf der andern Seitegeht dann v. Helfert wieder zu weit von den Thatsachen ab, wenn er sich über diesenPnnct also äußert:Die Volksschule in ihrem eigentlichen Begriff und Umfang war einKind weder der katholischen Kirche noch der Reformation, sondern der Jdeencntwicklungdes 18. Jahrhunderts, der fortgeschrittenen Bildung und der dadurch gewonnenen Ein-sicht von der wahren Grundlage der Volkswohlfahrt. Will man aber den Begriff nichtso streng nehmen, will man auf dessen Wurzel und Keim zurückgchen, so war die Volks-schule unläugbar ein Kind der katholischen Kirche, und reichen ihre ersten Anfänge ineine Zeit hinauf, wo noch viele Jahrhunderte lang von Reformation und Protestantis-mus keine Ahnung war" (a. a. O. S. 592). So liegen die Dinge nicht. Es ist ge-schichtlich unrichtig, die eigentliche Volksschule erst aus den Ideen der Aufklärungsperiodeentstehen zu lassen, und zwar ist es ganz gewiß unrichtig auf protestantischem Boden,aber auch theilweise auf katholischem, und wiederum ist cs ungeschichtlich, der katholischenKirche, d. i. dem Christenthum, sofern es als längst vor der eingetretcncn Glaubensspal-tung in kirchlich organisirter Gestalt vorhanden und activ gedacht wird, zuzuschrciben,was dem Christenthum an sich und dem dadurch geweckten humanen Sinne zu verdankenist; einem Christenthum also, in welchem Reformation und Protestantismus ebenso ihreWurzeln und Vorläufer haben, wie alles christlich Wahre und Gute, das in der römisch-katholischen Kirche zu finden ist. Ja, will man den Ausdruck Kirche premircn, unddabei vornehmlich auf das klerikale Kirchenrcgiment sehen, so wird man vergebens nachpäpstlichen Tecreten forschen, welche aus Errichtung von Schulen gedrungen hätten, etwaso, wie dies von evangelischen Obrigkeiten seit der Reformation geschehen ist. Vielmehrlehrt die neueste, wie die ältere Geschichte, daß die kcolksia iSAöns gar nicht immerauch seelssia Loesns im gleich eifrigen Sinne ist. Und zwar gilt solches nicht bloßkatholischerseits, sondern auch wo bei uns Protestanten die klerikalen Gedanken und Be-strebungen die Vorhand haben, da wird die Schule selten mit der ihr gebührenden Liebegepflegt; Tochter zwar soll sic heißen, aber doch nur zur Dienerin der Kirche möchteman sie haben. Zum Glück für die Schule nicht nur, sondern für die Cultur überhaupthat die Reformation den Glaubenssatz, daß der Klerus die Kirche zu regieren habe, beiden protestantischen Völkern für immer hinwcggeräumt, so daß hierarchisch übergreifendeAnwandlungen unter uns schneller und ungefährlicher vorübergehen. Dieses negativeVerdienst des Protestantismus wenigstens sollte man auf der entgegengesetzten Seite nichtübersehen noch unterschätzen, am wenigsten in demjenigen Staat, dessen Volksschulwesendurch das Verlassen des von dem menschenfreundlichen Sinn und der politischen Weis-heit der Kaiserin Maria Theresia geebneten und von der Energie ihres Sohnes Josephumgebrochenen Bodens noch vor kurzem zu so bedenklichen Rückschritten gedrängt werdenkonnte. Aber das Helfert'sche Buch, an geschichtlichen Aufstellungen und guten Gedankensonst so reich, leidet an einer confessionellen Befangenheit, die es dem Verfasser erschwerte,was auf beiden Seiten Licht und Schatten ist, genau zu sehen und zu zeichnen. Sofindet er z. B. allerdings im protestantischen Deutschland einen Voraus von Sitte undBildung, aber daran darf der Protestantismus beileibe keinen Theil haben, sondern allesVerdienst soll der Vielheit der kleinen Höfe zufallen, der damit zusammenhängendenreichen Ausstattung und trefflichen Einrichtung der mittel- und norddeutschen Universitätenund großen Anzahl von Erziehungs- und Lehranstalten (S. 592). Aber war dennfrüher nicht auch das Herzogtum Bayern ein Territorium von nur mäßigem Umfang,