Volksschule.
19
und für Wiederaufrichtung des zerfallenen Kirchen- und Schulwesens gesorgt wurde.Ja, noch ehe der Friede geschlossen war, hat Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha, derFromme, nicht nur die Schulen seines Landes wieder hergestellt, sondern in seinem„Schulmethodus" bereits auch für Erweiterung des Lehrstoffs durch Hercinziehung desWissenswerthen aus der Natur u. s. f. gesorgt (1640. S. Heppe II. S. 210 f.). Ueber-haupt regen sich um das Ende des 17. und mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts schondie Ausdchnungsversuche des Lehrplans für die Volksschule und es ist der verschrieenePietismus, welcher in Francke's Waisenhaus zu Halle hierin bahnbrechend vorange-gangen ist. Auch die Methodologie des Volksschulunterrichts thut hier neue Schritte undabermals haben wir uns jenes: „ihn jammerte des Volks" zu erinnern, wenn wir einenFortschritt im Schulwesen verzeichnen, welcher zusammenfällt mit der Sammlung vonWaisen, die durch den Krieg heimatlos und der Verwahrlosung preisgegcbeu waren.
Fürwahr, auch der große Umschwung in der Pädagogik und Didaktik beim Ueber-gang aus dem 18. in das 19. Jahrhundert und der neue Eifer für Hebung der Volks-schule — mau irrt, wenn man verkennen will, daß es doch die christliche Humanitätgewesen ist, welcher alle wesentlichen Fortschritte zu verdanken sind. Allerdings die erstenAnregungen dazu gicngen nicht alle aus jenem Gedankenkreis hervor, welcher die Volks-schule ins Leben gerufen und bisher gepflegt hatte; das kirchliche und noch mehr dasspeciell-confcssionsmäßige Interesse war zurückgctreten gegen den Trieb einer allgemeinenHumanität; was man dem Volke gönnen und geben wollte, das ward mit andernWorten als bisher bezeichnet. Aufklärung hieß die Fahne, unter welcher gearbeitet, ge-rungen und gestürmt wurde. Aber was an den neuen Ideen wirklich fruchtbar gewesenist, das hat doch wieder seinen Eingang in die Volksschule eben durch jenen Sinn deschristlichen Mitleids, der Theilnahme an dem unteren Volk und seinen Bedürfnissen ge-funden. „Ich lebe unter Landleutcn und mich jammert des Volks," schreibt Nochow,der Verfasser des weltbekannten Kinderfreundes, im Vorwort zu seinem Unterricht fürLehrer in niederen und Landschulen 1772, und ruft auS: „sind wir nicht HaushälterGottes? Sollten wir nicht sein Reich, welches das Reich der Wahrheit und Erkenntnisist, vermehren und das Reich der Finsternis, das ist der Unwissenheit und des darausentspringenden Jrrthums und Aberglaubens zerstören helfen?" Das war der christlicheEdelmann, der in seinen Dörfern Musterschulen gründete, und selbst auch lehrend prak-tisch übte, was er in seinen Schriften mit weithin weckendem Eifer empfohlen hat, derniit Basedow in regem Verkehr stund, offen für alle diese neuen Gedanken, der aber den-selben ein wirklich frommes Herz zubrachte, einen treuen Hirtensinn und eine von christ-lichem Erbarmen mit dem armen Volk getragene Beharrlichkeit. Ein Neuerer in derauf Weckung des Verstandes gerichteten Methode und in Hereinziehung von auf Volks-wohlfahrt zielenden Lehrstoffen, aber ein Neuerer mit einer evangelischen Gesinnung vomalten Schrot und Korn (vergl. d. Art. Nochow von Thilo im Band VII. S. 203 f.).Und so auch der andere pädagogische Heerführer für die neue Zeit, Pestalozzi; in sovielem unähnlich einem Francke, hat ihn doch wie diesen das christliche Mitleid mit dendurch die napolconischcn Kriege ins Elend gestoßenen verwaisten und verwahrlosten Kin-dern getrieben, ihr Lehrer und Erzieher zu werden, und ist so der Anlaß geworden zurAufrichtung seines die pädagogische und selbst die politische Welt mächtig anregendenSystems.
Werfen wir noch einen Blick auf das Volksschulwesen in den katholischen TerritorienDeutschlands, soweit dasselbe in das hellere Licht der Geschichte getreten ist, so warenes auch dort christlichwarme Menschenfreunde — ein Abt Felbiger in Schlesien, einböhmischer Dechant Kinderm ann, dieser als Herr v. Schulstein geadelt, jener nach Oestreichzur Einrichtung des Schulwesens berufen durch Maria Theresia (s. die Art. überdiese drei v. Eisenlohr in Bd. II., III., IV.), diese edle Fürstin selbst, ein Avt vonNeresheim, Benedict Martin, ein Wessenberg und deren Herzens- und Geistcs-genossen, durch welche ein frischer Zug in diese Seite der Volkswohlfahrtspflege gckom-