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Volksschule.
Vater Unser, Zehn Gebote und deren Auslegung — der Katechismus Luthers — wardzum ersten allgemeinen Volksschulbuch und zum Krystallisationskern für die übrigenFächer — Lesen, Schreiben, Singen — letzteres zur Unterstützung des Gottesdienstes.Man weiß es von Luther, wie die durch die Kirchenvisitationen gewonnene Einsicht indie entsetzliche Unwissenheit bei Alt und Jung ihn zur Abfassung seines kleinen Kate-chismus getrieben hat, und auch hier wieder erscheint das „ihn jaminerte des Volks" alsdas mächtige Motiv zur Unterweisung desjenigen Volkstheils, der ohne Handreichung vonoben her in tiefes Dunkel versinken müßte. Belehrung also über die christlichen Glau-benswahrhciten und Lebensregeln und Befestigung in denselben — das war der nächsteund oberste Zweck jener Schulen, die nun überall auf dem Lande unter der in harterArbeit stehenden Bevölkerung ungeordnet wurden. Und während dann diese Schuleneinestheils dem kirchlichen Gottesdienste vorarbeiteten, hatten sie den wesentlichen Beruf,das evangelische Volk seines Glaubens gewiß zu machen. Denn die neue Kirchen-bildung gicng im Streit mit der alten vor sich und es war darum ebenso ein Bedürfnisder Individuen wie der Gesammtheit, daß ein jeder evangelische Christ befähigt wurde,sich selbst und andern Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in ihm war. Ausdem gleichen Grunde ward das Lesenlerncn als das wichtigste unter den elementarenFächern angesehen; denn wohl wäre es möglich gewesen, den Katechismus allein auchdurch Vor- und Nachsprechen sich einzuprägcn, aber das evangelische Volk sollte selbstzur Quelle gehen, in seiner Bibel forschen können, und darum mußte die Schule noth-wendig das Lesen fördern. Faßt man dieses ins Auge und bedenkt man ferner, wie esin der Regel die Küster, Organisten, Cantores waren, welche das Lehramt an solchenSchulen zu übernehmen und daß an diesen zugleich als an Katechumenenschulen diePfarrer thätig zu sein hatten, so mag wohl die Volksschule in ihrer ersten Gestalt nichtunrichtig als die Tochter der Kirche bezeichnet werden. Nur darf man hiebei die Kirchenicht als eine herrschende, sondern muß sie als die dienende Mutter erkennen und zu-gleich nicht außer Acht lassen, daß es die bürgerlichen Obrigkeiten in Reichsstädten undfürstlichen Territorien gewesen sind, welche auf Anregen der Reformatoren und getriebenvon dem neu erwachten Sinn christlicher Humanität das Volksschulwesen zum Gegen-stand ihres regimentlichen Waltcns gemacht haben. Rechtlich angesehen muß man dahersagen, daß dieses Schulwesen von Anfang an schon Sache des Staats gewesen ist, wenngleich der Staat damals noch nicht in dieser selbstbewußten Weise, aber auch noch nichtmit dieser ausgedehnten Hülfelcistung wie jetzt die Schule als die ihm zugehörige An-stalt'betrachtet und behandelt hat.
Dem Eifer freilich, womit von oben herab durch treue Obrigkeiten die Anordnungenerfloßen, entsprachen die Erfolge lange nicht. Es fehlte an brauchbaren Lehrern, fürdiese fehlte es an ermunternder Belohnung und am allermeisten fehlte es an willigemEntgegenkommen auf Seiten eben des Volkstheils, dessen Kindern die Schulen solltenzu gute kommen. Zeuge davon sind die immer wiederkehrenden Klagen und Befehlewegen mangelhafter Einrichtungen, ärmlicher Besoldungen und wegen Widerspenstigkeitgegen das Gebot des Schulbesuchs, daneben auch wieder die Klagen von bessergesinntcnGemeinden über Unfähigkeit oder übles Benehmen der Lehrer. Es gehörte viele Geduldund Beharrlichkeit dazu, um das Schulwesen auch nur nothdürftig in einen Gang zubringen, und man darf wohl sagen, daß es in der Regel die kleineren Territorien waren,welche tüchtiger vorangegangen sind, weil hier die Obrigkeit mit Aug und Hand denDingen näher stund. Dies Gute hatte darum die in politischer Hinsicht beklagte Zer-splitterung Deutschlands, daß der Bildung des unteren Volks eine reichlichere Fürsorgezugewendet wurde. — Dann aber der dreißigjährige Krieg mit seinen Verheerungen undmit der allgemeinen Verwilderung der mißhandelten Bevölkerungen! Und doch ist es inder That bewundernswürdig, ja für glücklichere Zeiten beschämend, wenn man erfährt,wie schnell und wie kräftig bei diesem namenlosen Elend Hand an die Besserung derZustände gelegt, mit welcher Energie namentlich der eingcrissenen Sittenlosigkeit gesteuert