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Volkslied.
Gegenwart angchört, das ist uns ja erst verständlich, wenn wir die geschichtlichen That-sachen vorher schon kennen. Aber wie die geschichtlichen Volkslieder nicht als Geschichts-quellen, desto mehr aber als Zeugnisse darüber, in welcher Art die Ereignisse und Per-sönlichkeiten auf das Volksgemüth gewirkt haben, auch dem Historiker vom Fach nichtgleichgültig sein können, so bilden sie zum Geschichtsunterricht auf seinen verschie-denen Stufen eine werthvolle Zugabe, die der lernenden Jugend nicht bloß mit ihrempoetischen Reize zusagt, sondern auch die Data der Geschichte belebt und dadurch ein-prägt. Wer seinen Schülern vom Prinzen Eugen erzählt, der wird, wenn er den Sinnder Jugend versteht, die Geschichte damit krönen, daß er singen läßt: Prinz Eugenius deredle Ritter rc.; wer in Württemberg von Eberhard im Bart erzählt, kann ja nicht umhindazu singen zu lassen: „Preisend mit viel schönen Reden rc." Wie viel schöne Illustra-tionen zum Geschichtsunterricht in höheren Elasten, wo auch der Sinn für die poetischeSchönheit und für das sprachlich Charakteristische der alten Volkslieder geweckt ist oderdoch geweckt werden kann, bieten die hieher bezüglichen Stücke in Uhlands „Sammlungalter hoch- und niederdeutscher Volkslieder" dar! Hat sich vollends eine nationale, pro-vinciale oder locale Geschichtserinncrung in einem Volks- oder Kinderfest erhalten, wiez. B. eine Episode aus der Hussitenzeit in dem Naumburger Kirschcnfest, so darf ja dasdie Tagesgeschichte feiernde Lied nicht fehlen („die Hussiten zogen vor Naumburg rc.,"vergl. Süddeutscher Schulbote 1851. S. 58).
Um noch kurz auf andere Gattungen des Volkslieds einen Blick zu werfen, so werdendie Räthsellieder, die schon im Mittelalter das Volk liebte (s. Uhland, I. S. 3 undviele andere), sich wohl als Spiel unter der Volksjugend forterhalten, ohne im Unter-richt oder Schulleben verwendet werden zu können; Thierstücke (wie der Sängerwett-streit zwischen dem Kuckuck uud dem Esel von Hoffmann von Fallersleben und Zelter— die Vogelhochzeit, bei Uhland I. S. 34., der Kuckuck S. 43, das Käuzlein S. 45)können wohl hie und da aus der Singstunde auch den Weg in eine Stunde naturgeschicht-lichen Unterrichts finden, obgleich keine zoologische Wissenschaft daraus zu schöpfen ist.Standes-, Berufs- und Handwerksliedcr, wie namentlich die letzteren ohne Zweifel inden alten Zunftgenosscnschaften entstanden sind, passen auch erst für die Lebenszeit undsolche Kreise, in denen die Berufswahl schon getroffen und eine gemeinsame ist; ein Lied,wie „Gottlob, daß ich ein Bäcker bin" (Mildheimisches Liederbuch Nro. 648), oder dasLied für Windmüller, (ebd. Nro. 646) werden wir weder im Gymnasium, noch in derReal- und Volksschule einüben; nur wenn etwa, nach Fröbels Methode, die spielendenKleinen irgend ein Handwerk mimisch darstellcn, passen derlei Verse dazu, die aberalsdann kindlicher gedichtet sein müßten, als die superklugen Mildheimischen Carminasind. Spottlieder auf einzelne Gewerbe (wie: „Was gleichet uns Schneidern an Witzenund Listen") wären eine schlechte pädagogische Wahl; wogegen Lieder wie Hebels Schreiner-gesell, der in wenigen Wochen sieben Meister hat, oder das schwäbische: „Es hat 'nSchlosser 'n Gscllen g'het, der hat ihm so langsam gefeilt" — mit der in dem Witzsteckenden Moral den Knaben nicht vorenthaltcn zu werden brauchen. Hirtenlieder,Schifferlieder, Bergknappcnliedcr, haben der Natur dieser Geschäfte nach einen poetischenCharakter allgemeinerer Art und spielen darum im Volksgesang eine bedeutendere Nolle;„auf dem Meer bin ich geboren" singt herzhaft auch der Schwabe, selbst wenn er nochnicht einmal den Bodensee gesehen.
Noch haben wir eine Elaste von Volksliedern zu erwähnen, in Bezug auf derenpädagogische Zuläßigkeit ein Zweifel obwalten kann: nemlich diejenigen, die eine bib-lische Geschichte zum Gegenstand haben, dieselbe aber nicht, wie etwa Barths „biblischeGedichte" nur in gereimter, erbaulicher Form darstellcn, sondern irgendwie einen komi-schen Gebrauch davon machen. Wenn wir aber auch Kopischs Noahlicd („Als Noahaus dem Kasten war," vortrefflich componirt von Reißigcr), und das ans 1 Tim. 5,23 sich berufende Trinklied: „St. Paulus war ein Medicus" den Männern überlassen,so ist doch ein Lied wie das des Wandsbecker Boten: „War einst ein Riese Goliath,"