Volkslied.
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überhaupt smgcnswcrth ist, im späteren Leben für den jetzigen Schüler Zeit genug dazuübrig bleibt, so ist der Schatz der Volkslieder noch immer so reich, daß die Jugendauf allen Stufen damit hinlänglich versorgt werden kann. Frühlingslieder, Wander-lieder, Turnlieder, Jagdliedcr u. s. w. können auch, wenn z. B. die letzteren noch garkeine praktische Anwendung finden, ja für manche ihr Leben lang zu keiner solchen ge-langen können und sollen, dennoch gebraucht werden; Uhlands weißen Hirsch (dieKreutzer'sche Komposition aus den Männerstimmen in eine Octave höher versetzt) singt eineMädcheuschaar mit voller Lust; dasselbe gilt von manchen Soldatenliedern, zumalwenn sie eine vaterländische Bedeutung haben, sei es als historische Lieder, sei es, weilsie der rechte Ausdruck für die Stimmung der Gegenwart sind. Dies führt uns aufdie vaterländischen Lieder, die außer dem allgemeinen Werth volksthümlicher Poesie undMusik für die Jugend noch den besonderen haben, daß sich das Nationalgefühl anihnen stärkt und der Jugend besser einprägt, als durch patriotische Declamationen.Was ein im rechten Augenblick einschlagcndes Volkslied für eine Nation Werth ist, wieein solches Lied alles Volk bis auf die Jüngsten hinab zu umschlingen vermag, das hatMap Schneckenburgers „Wacht am Rhein" gezeigt; von ihr kann man sagen, was dieLimburger Chronik ans dem Jahr 1350 erzählt: „In derselben Zeit sang man ein newLied in deutschen Landen, das war gemein zu pfeifen und zu trummeten zu allen Freuden;"und wenn auch unser Dichter selbst diese Ehrentage nicht erlebt hat, so ist es ein umso besseres Zeichen der Zeit, daß jetzt auch die Staatslenker für solche Elemente desnationalen Lebens ein klares Verständnis und Interesse gewonnen haben; damit stehtsdenn doch gar anders, als in den zwanziger Jahren, wo Karl Maria von Weber, derComponist des Freischützen, weder in Berlin noch in Dresden bei Hof eine persona,xrata war, nicht obschon — sondern gerade weil er den Körner'schen Vaterlandsliedcrnzur Zeit der Befreiungskriege Melodien gegeben hatte, mit denen sie alsbald ein Ge-meingut des deutschen Volks geworden waren. — Dem hohen Ernst, dem leuchtendenTodesmuth, wie ihn im kritischen Moment das Volkslied ausspricht und der auch dasAndenken an Unglücksfälle, an gefallene Helden, an eine eroberte Stadt heiligt, folgtaber, sobald ein Sieg erfochten ist, der Humor; wie nach Leipzig und Waterloo dasdeutsche Volk in Spottliedern auf Napoleon und die Franzosen sich Luft machte, wieschon der Rückzug aus Rußland mit dem Lied gefeiert wurde: „Kaiser Näppel zog genMoskau aus re.," so hat unser Kutschke-Lied und „König Wilhelm saß ganz heiter"dem jetzigen „Napolium" und „Benedettig" den gleichen Hofdicnst geleistet. — Es gabeine Zeit, in welcher das Volk seine eigne Geschichte nur in Form des Liedes bewahrteund kannte, das von Mund zu Mund gieng und arglos Dichtung und Wahrheit mischte.Diese poetische Historiographie hat sich auch neben den Chronikschreibcrn und den spä-teren und neueren Geschichtsbüchern erhalten; wir finden sie zusammengestcllt in demWerke: Fr. L. von Soltau's deutsche historische Volkslieder — erstes Hundert, Leipzig 1836,zweites Hundert 1856; es liegt darin der Beweis vor, wie sich alle Zeiten und großenZeitereignisse mit einer Menge speciellcr Momente in der Volksdichtung abspiegeln undins Volksgedächtnis einprägen; nicht nur Dinge, wie die Hussitenkämpfe, wie die Ein-nahme von Magdeburg, sondern auch Friedrich Hecker und das Treffen bei Kandcrnwerden besungen („Gelt Hecker, gelt Hecker, das Blatt hat sich g'wendt, du hast ja beiKandcrn den Schnurrbart verbrennt"). Merkwürdig ist, daß manche dieser poetisch-histo-rischen Reminiscenzen sich, wie wir bei Soltau II. S. 509 sehen, in Kinderreimen erhalten,in diesen aber zu guter Letzt kaum mehr einen Sinn haben; solche Reime haben dieKinder ohne Zweifel irgendwo aus Liedern, die sie hörten, aufgeschnappt und sie dann,ohne irgend eine Rücksicht auf Logik und Geschichte, sich lediglich zum Auszählen zurechtgemacht. (Beispiele hat namentlich Ernst Meier gesammelt: „Deutsche Kindcrrcime ausSchwaben"). In unfern Tagen wird nun niemand verlangen, die vaterländischeGeschichte soll in der Volksschule in dieser volksthümlichcn Form, mmlich mittelst derVolkslieder aus allen Jahrhunderten gelehrt werden; was von diesen Liedern nicht der