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Volkslied.
Muß aber für die Jugend aus der Masse der uns jetzt durch emsiges Sammelnzu Gebot stehenden Volksmelodien eine sorgfältige Auswahl getroffen werden, weil auchin diesem Stück für die Kinderwclt nur das Beste gnl genug ist: so tritt jene Noth-wendigkeit in noch höherem Grad in Bezug auf die Texte ein. Ein großer Theil der-selben ist bekanntlich erotisch. Nun singen zwar namentlich jüngere Kinder auch einLied wie „Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus, und du mein Schatz bleibsthier" in aller Unschuld hin, sie denken sich eigentlich nichts dabei, die Sache selber istihnen fremd und es kommen ja auch in Märchen verliebte Prinzen und Prinzessinnenvor; die Unschuld der Sache liegt hier so ganz in der Gedankenlosigkeit der kleinenSänger, in welche die Hand der Alten weder aufklärend noch verbietend eingrcifcn muß,um sie nicht zu stören. Aber sobald derlei Sachen in einer Schule, also sx oküoio ge-sungen werden, fühlen die Kinder selbst, daß das nicht paßt; der Lehrer muß doch, wassie singen, auch mitsingen können, und je höher er in ihren Augen dasteht, um so we-niger würde es mit seiner Würde harmoniren, solches Liebesgctändel, wenn auch nurals Singmeister, mitzumachen. (Wenn vollends in einem polnischen Volkslied, das Schlet-terer mitgetheilt hat, s. Leipziger allgemeine musikalische Zeitung 1867. S. 119, einverführtes Mädchen ihre Gespielinnen vor gleichem Fehltritt warnt, so wäre es geradezubeleidigend, etwa in einer Sonntagsschule oder einem Töchterpensionat dergleichen singenzu lassen; käme es aber in die Hände von Gymnasisten, so wäre es ein Reiz zu frivolenBemerkungen.) Ebenso sind selbstverständlich alle die zahllosen Trinklieder auszuschließen,von denen es im deutschen Volksgesang wimmelt. Albert Knapp hatte zwar einmal denEinfall für die Ehristoterpe ein „theologisches Trinklied" zu dichten, wir erinnern unsaber nicht, es jemals singen gehört zu haben. Läppisches Zeug, da hinter der Posseauch nicht ein Funke Witz steckt, ist des Singens ohnehin nicht Werth; wir haben je-doch im Gebiete des Volksgesangs dergleichen Producte viel weniger gefunden, als inder zopfigen Unterhaltuugspoesie des vorigen Jahrhunderts, die bis an die Glanzperiodeunserer Literatur heranrcicht; die Geschichte des deutschen Liedes im 18. Jahrhundertvon E. O. Lindner, herausgegeben von Ludwig Erk, Leipzig 1871 (mit vielen Musik-bcilagen) gicbt uns anschauliche Proben davon. (Darin sind u. a. mitgetheilt zweiSerien Gesänge unter dem Titel: „Ohreuvergnügendes und Gemüthcrgötzcndcs Tafel-coufect" Angsb. 1733.) Wenn dagegen das Mildheimische Liederbuch von Becker demVolks- und Bürgervergnügen den zeitgemäßen Charakter der Aufklärung zu geben sucht,(kommt doch unter Nr. 720 als Travestie des kirchlichen 1s vsum ein „Danklied fürdie fortschreitende Aufklärung" vor!) — so war auch damit für den echten Volksgesangnichts gethan; das Volk nahm von diesen Windeiern keine Notiz; traurig genug war cs,daß mau es zwang, in den Kirchen die geistlichen Elaborate der Neuerer zu singen;aber in Feld und Wald, in der Schenke und auf den Märkten hatte kein Consistorial-erlaß oder Cabinetsbefehl eine Gewalt über des Volkes Gesang. — Um von Liedernmit unpassenden Texten doch die Melodie für die Jugend benutzen zu können, hat manihnen häufig andere Texte unterlegt; wir finden z. B. noch in neueren Schulliedcrsamm-lungen statt des Textes: Steh ich in finstrer Mitternacht re. ein Lied über das Gott-vcrtrauen; statt „Bemooster Bursche zieh' ich aus" wird gesungen: „Es klappert dieMühle am rauschenden Bach klipp klapp" re.; in „Auf Matrosen die Anker gelichtet"wird statt „Liebchen ade," gesetzt: „Freunde ade." Praktisch ist das aber nicht, denn dieKinder hören solch bekannte Originaltexte sonst im Leben und machen sich dann darüberlustig, daß man ihnen derlei Dinge verheimlichen wolle. Besser geht es an, dem Haydn'schenKaiserlied außer Oesterreich einen deutsch-nationalen Text zu unterlegen, weil manes hier gar nicht zu verhehlen braucht, daß eine Travestirung vorgenommen worden;nur ists ein musikalischer Fehlgriff, daß die erste Zeile heißt: Deutschland, Deutschlandüber alles (von Hoffmann von Fallersleben), da die zweite Note der Melodie ein kurzesleichtes Achtel ist, auf das sich die vielen Consonanten gar nicht singen lassen.
Ziehen wir aber auch alles aus obigen Gründen ungeeignete ab, indem ja, soweit es