Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

XXII.

Theses zu Disputationen in Lehrervereinen.

Einleitung.

Theses sind bekanntlich Sätze, welche inan anfstellt, um siezu verteidigen, sei es, wie gewöhnlich, in einem Hörsaale, umeine akademische Würde zu erlangen, oder in zu bestimmtenZwecken sich versammelnden Vereinen, oder auch in Schriften undauf andere Art. In der Regel stemmt sich, wenn sie mehr Werthaben sollen, als Gelegenheit zu geben zu dialektischen Schein-gefechten mit der Zunge, ihr Inhalt gegen Zeitrichtungen oderArtikel, zu welchen sich die Zeitgenossen bekennen, die man aberfür falsch hält.

Der Charakter wahrer Theses ist Kürze, Präzision und Kühn-heit. Durch jene Eigenschaften sind sie leicht behaltbar, durchdiese fordern sie den Gegner heraus. Auf absolute Wahrheitenmachen sie keinen Anspruch; wenigstens giebt der, welcher Thesesaufstellt, damit zu, daß sie angegriffen werden können, weshalballgemein zugegebene Wahrheiten nicht zu ihrer Kategorie ge-hören. Sie sind überall, auch in Gesprächen, an ihrer Stelle,unter Menschen, welche geistige Bewegung und damit den Gegen-satz der Ansichten lieben, unter Männern, welche wissen, daßdie Wahrheit nirgends wie eine fertige Ware aufliegt, deren mansich leichten Kaufes bemächtigen könne, unter Strebenden, welchedie Mühe nicht scheuen, sie aus dem Streite der Ansichten heraus-zuschälen. Sie gehören daher auch in Lehrervereine, deren Mit-glieder sich denkend und übend fortbilden wollen, wenigstens sindsie als Lückenbüßer willkommen, indem sie da eintreten, wo nichtbedeutendere Mitteilungen vorliegen.

Diesterweg. Ausgew. Schriften. 2. Aust. II.

17