152
Pestalozzi trat mit der größten Entschiedenheit dem Jahrhundertealten, bis zu dieser Stunde leider fortgrassierenden, der rechtenMethode den Eingang in die höheren Schulen versperrenden Irr-tum entgegen, daß die Bildung des Menschen vorzugsweise inKenntnissen, in dem Umfange des Wissens liege. Nach ihm be-stand die Bildung vorzugsweise nur zuoberst in der vollständigenBeherrschung des Erlernten, in der Befähigung zu jeder Art derfreien Anwendung desselben, in der Energie der Selbstthätigkeitund in der Kraft der sittlichen Selbstbestimmung. Die Erziehunghabe vorzugsweise die Aufgabe, Kräfte zu schaffen und zu stärken,dann mit diesen geweckten Kräften sich des Kenntnismaterialszu bemächtigen und thatkräftig an den Aufgaben des Lebensmitzuarbeiten. Sein Elementarunterricht sollte daher die Menschen-krast hervorlocken, und seiner Elementarmethode schrieb er ebendie dreifache Wirkung zu:
Erstens auf naturgemäße Weise die Grundanlagen desMenschen zu entwickeln.
Zweitens, dadurch die Befähigung, die eigentlichen Wissen-schaften gründlichste, d. h. selbstthätig zu erlernen, dem Zöglinganzueignen;
Drittens zum thatkräftigen Leben zu befähigen.
Nachdem also die eigentliche Erziehung die idealenKräfte des Kindes geweckt hat, bleibt der formale Zweck derHauptzweck des Unterrichts. Nicht das Wissen ist die Haupt-sache, sondern die Art und Wirkung des Wissens und Lernens.Dem Lehrer müssen folgende Fragen stets vorschweben:
Ist der Schüler mit seiner Seele oder seinem Gemüt beider Sache? Strengt er seine Kräfte an, um sich seiner'ganz zubemächtigen? Ist dieses wirklich die Frucht des Unterrichts?Liefert die dem Schüler durch ihn angeeignete Fertigkeit in seinermündlichen Darstellung und in der Anwendung des betreffendenInhaltes die Beweise davon? Hat derselbe durch ihn das Lernengelernt? Ist seine Liebe zur Bildung gewachsen? Hat der Gegen-stand seine "Neigung zum Schönen und Edlen gesteigert? Kurz, umPestalozzisch zu reden, was hat der Unterricht an und in demGeiste und Gemüte des Schülers gewirkt?