XXIV.
Goethe als BorlM für Lehrer.
Ein Vortrag.
Ich war gesonnen, in dem Vortrage, zu dem ich mir einekurze Zeit ausgebeten hatte, Goethe als emanzipiertenMenschen darzustellen, d. h. nachzuweisen, in was für Beziehungener sich von Vorurteilen und Fesseln zu befreien gewußt. Aber ichsah bald ein, daß ich ihn dann nicht nach einigen, sondern fastnach allen, wenigstens so vielen Richtungen darzustellen habenwürde, daß dazu meine Zeit und ineine Kraft wohl nicht hinreichenmöchten. Ich gab daher diesen Vorsatz ans; um den Gedankenaber nicht ganz fahren zu lassen, fiel es mir ein, ihn von derSeite seiner Selbst-, folglich wahren Emanzipation* aufznfassen,in welcher er als Vorbild für Schullehrer in ihrer amtlichenThätigkeit als Erzieher der Intelligenz der Jugend angesehenwerden könne. Möchte diese spezielle Betrachtung seiner und dieserStunde nicht unwürdig erscheinen! Ich rechne auf Ihre gütigeNachsicht, um so mehr, als ich dabei doktrinell zu verfahren habeund von poetischer Darstellung nicht die Rede sein kann.
Wenn auch in Goethes Werken, wie es nicht anders seinkann, eine Menge von Gedanken und Ansichten vorkommt, welchedem Pädagogen reichen Stoff znm Nachdenken darbieten, so hat er
* Man wird nicht emanzipiert, sondern man emanzipiert sich selbst,nämlich innerlich im Geist, welcher Befreiung die äußerliche folgt. Diese isterfolglos ohne jene. „Emanzipieren" ist ein Aktivum es befreit vom Man-zipieren, Manzipiert-werden.