227
Die Kirche. Daß sie nicht alles vermag, weiß jeder.Die meisten Erwachsenen entziehen sich ihrem Einfluß; an' denKindern wirkt sie nur kurze Zeit und nur durchs Wort; sie be-schränkt sich größtenteils anss Predigen; die Predigten sind Kunst-werke, das Volk aber hat für Kunstwerke keinen Sinn. Wiewäre so Großes, als hier verlangt wird, eine Lebensumgestaltungvon ihr zu erwarten? Die Erfahrung lehrt es, daß sie solchesnicht vermag. — —
Und doch muß es geschehen. Wann soll es geschehen?Etwa in tausend und tausend Jahren? Das wollten wir zn-geben? Wir wollen leben und sterben, ehe wir mit Sicherheitsagen können, wir haben das Unfrige gethan, wir haben denfesten Grund dazu gelegt? Die von unser» Vorfahren ungelösteAufgabe wollen auch wir ungelöst lassen? Wir wollen ihreLösung nicht einmal versuchen?
Das Christentum, zu dem wir uns bekennen, verlangt: Ihrsollt Eure Nächsten lieben, wie Euch selbst. Undwir ertragen die allgemeine Schmach, die darin liegt, daß wiruns offen ins Angesicht sagen, offen bekennen: Wir thun esnicht, wir wollen es nicht?
Wohl, der einzelne kann es thun, ich z. B. kann es, oderdu, Leser, wer du sein magst. Es kommt nur auf deinen odermeinen festen Entschluß an. Aber wird das helfen? Ist dasÜbel ein einzelnes, oderein allgemeines? Reichen die Kräftedes einzelnen hin, so Außerordentliches zu leisten? — Ich kannmein Geringes zum Besten der Armen hingeben; aber wird da-durch mehr als einem einzigen bleibend geholfen? und versetzeich dadurch nicht meine eigenen Kinder in die Lage, in Armutzu versinken, so daß ich dadurch das Übel nur ärger mache?Das gemeinschaftliche Übel muß durch gemeinsames Wirkenbeseitigt werden. Alle, namentlich die gemeinsamen Korpo-rationen, unsere Magistrate, die, denen Gott Macht, Ansehen,Einfluß, Vermögen gegeben, sie müssen erklären: Wir wollen es,wir wollen den Nächsten lieben, wie uns selbst, und zwar vonheute an, wir wollen solches gleich durch die That beweisen.Dieses ist das einzige Radikalmittel.
15 *