Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
154
Einzelbild herunterladen
 

154

religiös genannt werden kann. Die ewigen Dinge sind für unSSterbliche in ein geheimnisvolles Dunkel eingehüllt; was wirvon dem Jenseits wissen, ist, daß es sei, nicht, w i e es ist. Aberdiese Dinge sind dem Herzen des Menschen heilig, mit ehrfurchts-voller Scheu denkt, spricht er von ihnen, und die Besorgnis, vorungeweihten Ohren die Geheimnisse anzudeuten, ist ganz natürlich.Muß nicht das bei den Juden bestehende Gebot, den heiligenNamen Gottes gar nicht zu neune», für ein Zeichen tief gefühlterReligiosität gehalten werden? Gewiß. Und wenn die alten, mitso vielein Unrecht verachteten heidnischen Schriftsteller mit dembescheidensteil Rückhalt, mit heiliger Scheu voll den ewigenDingen sprechen, so muß dies unbedenklich für ein Zeichen einestiefeil religiösen Gefühls erklärt werden. Manche unsrer christ-lichen Prediger könnten davon etwas lernen, lind manche Schul-lehrer. Beten sie mit ihren Schulkindern nicht häufig so, alswäre es das alltäglichste trivialste Geschäft, ohne Salbung, ohneWeihe? Und sprechen sie mit den Kindern nicht manchmal sovoll Gott, Unsterblichkeit, Wiedersehen, als hätten sie alles mitleiblicheil Augen durchschaut? Nein, meine Theuern! auf solcheWeise weckt mau das religiöse Gefühl nicht, weil diese Er-scheinungen vom religiöseil Gefühle nicht ausgehen, indem daswirkliche Bewußtsein der Nähe Gottes den Menschen nicht nurzur inner» Einkehr nötigt, sondern auch mit einem heiligeilSchauer durchdringt. Kalte und viele Worte, Äußerlichkeitenverschiedener Art zeigen aber, daß man davon gar nichts weißund hat. Der eigentlichen Sache stände man viel näher, wennman iil stiller Andacht, ohne alle Worte, sich sammelte und Ein-kehr bei sich selbst hielte. Verstummen wir ja sogar schon beieiner großartigen Naturerscheinung, wie beim Auf- und Unter-gang der Sonne, beim Anblick des gestirnten Himmels, undwissen nichts Gescheidtes darüber zu sagen; warum sollteil wirdenn über die noch viel welliger bekannten großeil unsichtbareilDinge so viel Worte machen?