Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
143
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geworden. Kein Mensch in Deutschland hat sich von so vielenSeiten offenbart, wie er: durch seine Werke in Wissenschaft undKunst, durch sein vielseitiges Leben, durch seine Selbstbiographie,durch seinen Briefwechsel und andere haben sein Wesen unsaufgeschlossen durch Werke, die sie über ihn und seine Leistungengeschrieben, unter welchen das Buch des getreuen Eckermann eineehrenvolle Stelle einuimmt, indem es eine Lücke ausfüllt. Vonirgend einem andern großen Manne besitzen wir ein Werk, voneinem andern eine Biographie, von einein dritten Gesprächevon und über Goethe haben wir dieses alles. Eine unendlicheAusbeute für die Psychologie muß sich daraus gewinnen lassen!

Man hat ihn mit Schiller verglichen. Jetzt ist allgemeinairerkannt, daß Goethe der tiefere, größere, freiere Geist war.Aber dennoch hat Schiller für die meisten, das Volk, vor Goetheetwas voraus. Schiller war populär, Goethe war ein vornehmerGeist in jeder Beziehung. Schiller war nicht bloß Künstler,Philosoph, Geschichtschreiber, er war ein patriotisch gesinnterManu, er glühte für die Ehre und die Freiheit seines Volkes,an ihn: war alles Mensch und V o l k. Goethe dagegen hielt sichin alle:: Beziehungen in de» oberen Regionen. Der edle Groß-herzog von Weimar hatte Schiller ein Jahrgehalt vonlOOO Thaleru zugesichert, und inehr, wenn seine Schriften ihmkeine hinlängliche Einnahine sicherten. Aber er nahm keinenGroschen mehr, arbeitete darum auch ii: kranken Tagen, zumNachteil für seine Gesundheit. Goethe wird, wie er selbst ge-steht, nie populär werde,:. Er war ein großartiger Weltmann,und er lebte in der Weltlitteratur.

Selten hat ein Mensch auf Erden so viel Glück auf Erdeugenossen: diesen Körper, diese Stärke und Schönheit der Glieder,eine bis ins achtzigste Jahr ausdauernde Gesundheit, dieseGeistesanlagen, diese Ruhe des Gemüts, diese Anerkennung eineReihe von 50 Jahren hindurch, und, was die ineisten glücklichmacht: Gunst der Großen, Briefwechsel und Freundschaft mitFürsten und Königen und Glücksgüter aller Art.

Auch für Erziehung und Unterricht liefert das genannte Buchmanchen interessanten Beitrag, wie man denn überhaupt aus unser»deutschen Klassikern für die Pädagogik eine Ährenlese halten kann.