138
ohne daß er es will oder weiß, dann ergreift unsägliches Mitleiddie Zurückbleibenden. Kein Schinerz gleicht dein Elternschinerz.Kein Fremder kann ihn fassen. Die Eltern zählen nicht ihreKinder, wie der Kaufmann seine Waren oder Kapitalien, umzu sehen, wie viel ihm übrig bleibt, wenn ein Unglück ihn:einiges geraubt hat. Kinder sind keine Nummern, keine Ziffernoder Zahlen. In einem von neun Kindern verliert man alles,das Ganze, die besondere, eigentümliche Natur, ein Teil unsresWesens. Der Fremde, selbst der treueste Freund, wird des nichtinne, und es ist in Worten gar nicht zu sagen, was ein Kinddem Vater oder der Mutter gewesen. Wer es weiß, was einzerrissenes Herz ist, hat eine Anschauung, eine Ahnung vondein Schmerze. Wo ist nun das abgeschiedene Kind, wo lebt,wirkt seine Seele, wo, wie-?
Unendliche Wonnen sind möglich, unbeschreibliche, unaus-denkbare. Sie konzentrieren sich im Wiedersehen, diesemMeere von Seligkeit, schon in der Ferne. Sollte Gott — dieseFrage ist erlaubt — dem schwachen, beschränkten, armen Menschen-geschöpfe diese Freude nicht Vorbehalten haben? Nicht, nachdemer ihn: die Vorempfindung, die tiefste Sehnsucht darnach insHerz eingegraben hat? Würden wir nicht schon ein Tierchen in
dieser Art beglücken, wenn wir es vermöchten?-Der
Mensch ist gut, die Liebe wohnt in seinein Herzen, sie wird ihn:eigentlich nicht anerzogen, sie wird nicht gelernt, sie ist ihm an-geboren. Der Haß dagegen wird gelernt. Welcher Mensch solltenicht in Hellem, lauterein Bewußtsein, schon bei einer Reise, nochmehr in: Augenblicke der Abreise in die Ewigkeit, sprechen: „diesenKuß der ganzen Welt!" Und der vollkommene, Welten erschaffendeGeist! — Nehmet die engen Verhältnisse, die Bedrängnisse undHindernisse, Störungen und Verirrungen aus dein Leben, undihr werdet sehen: der Mensch hat dann nur an dein Guten seineFreude. Warum beleidigen die Menschen einander nicht, wennihre Interessen sich nicht kreuzen? Es folgt daraus doch, daß siean dein Beleidigen selbst ihre Freude nicht haben. VielmehrHelsen sie einander willig und gern. Die Liebe ist dein Herzenangeboren: sie ist das Fundament, auf dem es ruhet, das Feuer,das es durchglühet, die Lust, die es ausatmet. -—