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1 (1890)
Entstehung
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entwickeln suchen. Das heißt, der jedesmalige Kulturzustaudeines Volkes ist die Basis, der Grund, das Vorhandene, Gegebene,Reale, von dem aus und aus welchem das Nachfolgende erzeugtwerden muß. Die gegebene Kultur macht also die Anforderung,daß wir ihr gemäß verfahren, wenn wir etwas wirken wollen;d. h. wir müssen kultnrgemäß verfahren. Dieses Kultur-gemäße ist auch das Zeitgemäße, und wir wissen alle, wiegroß dessen Ansprüche sind, wie wir unser Lebensmerk rein ver-nichten, auf Null reduzieren, wenn unser Wirken nicht in dieZeitverhältnisse paßt, sich nicht an das Gegebene anschließt, das-selbe nicht respektiert oder in der Ansicht vernichtet, ideale Ver-hältnisse voraussetzt, die nirgends sich vorfinden. Alle fruchtbareEinwirkung auf ein Individuum oder ein Volk muß zeitgemäßsein oder sich nach dem Standpunkte des einzelnen und nach derKulturstufe des Ganzen richten.*

Das Prinzip der Zeit- oder Kulturgemäßheit ist der Grund-satz aller praktischen Menschen, aller Köpfe, welche die Weltkennen oder mit dem realen Leben vertraut sind. Das Wortder Naturgemäßheit hören wir nicht aus ihrem Munde, währendsie immer von zeitgemäßen: Wirken, zeitgemäßen Erscheinungenund von den Bedürfnissen der Zeit sprechen. So der verständigeHandwerker, der einsichtsvolle Kaufmann, der denkende Lehrer,der Gesetzgeber und der Diplomat.

Das Prinzip der Knlturgemäßheit ist ein wahrer, richtiger,unabweisbarer Grundsatz. Was in der Welt von großer Be-deutung und bleibender Einwirkung geschehen ist, war zeitgemäß.Ohne diese Voraussetzung sieht man in der Geschichte nur Un-begreiflichkeiten; sie aber bringt Licht in die ohne sie ganz unfaß-baren Erscheinungen und Thatsachen. Alle Menschen, deren Ein-wirkung von großem, weitreichendem Erfolge begleitet gewesen

*Man ist so gut Zeitbürger, als man Staatsbürger ist, und wennes unschicklich, ja unerlaubt gefunden wird, sich von den Sitten und Ge-wohnheiten des Zirkels, in dem man lebt, auszuschließen, warum sollte esweniger Pflicht sein, in der Wahl seines Wirkens dem Bedürfnis und demGeschmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuräumen?"

Schiller über ästhetische Erziehung.