318
Grund jedoch ist schwächer als dieser. War Christus etwa des-halb ein Samariter, hielt er ihnen gegenüber weniger fest andem Worte „ihr wisset nicht, was ihr anbetet, das Heil kommtvon den Inden", weil er dein jüdischen Volk das Musterbilddes sie tief beschämenden barmherzigen Samariters vorhielt?Wollte Lessing den Christen die entwickelten Grundsätze Christi,besonders den der Toleranz, und zwar gerade in Beziehung aufdie Juden, einprägen, mußte er ihuen zu diesem Zwecke nichtzuerst zeigen, daß die Juden manchmal nicht nur denselben,sondern einen größereil sittlichen Wert hätten, als die Christen,mußte er diese Vermessenen, die auf ihr äußeres christliches Be-kenntnis stolz waren, nicht eben durch das Beispiel eines Judenbeschämen? Er verfährt in dieser Beziehung, wie ein weiserLehrer verfahren muß.
Es ist mir aber Bedürfnis, noch über einen Punkt in allerKürze mich auszusprechen. Man hat Lessing angeklagt, daß erdurch die Fabel von deu drei Ringen, in der sich die Moral desDrama konzentriere, Mohammedanismus, Judentum uud Christen-tum auf die gleiche Linie stelle.
Es handelt sich bei diesem Streit nicht um den echten Ring,nicht um das echte ursprüngliche Christentum oder Judentum,nicht um die wahre ursprüngliche Religion, sondern um dastäuschende Zerrbild derselben, um die Konfession. Gegen dieseKonfessionen, diese menschlichen Kristallisationen des ursprünglichGöttlichen, ist Lessing bis aus einen gewissen Punkt hin in-different, aber keineswegs gegen die Religion. Dem Mendelssohnwurde einst aus eine unzarte Weise von Lavater der Übertrittzum Christentum zugemutet, da er ja doch der Gesinnung nachein Christ sei. Mendelssohn hat solche Zudringlichkeit mit gutemRecht abgefertigt. Wenn ein ehrenwerter Mann, wie etwa Ritterheute, damals zu Lessing gesprochen hätte: „Ihr seid ein Jude,bei Gott Ihr seid ein Jude, ein besserer Jude war nie — nuntretet auch zu uns der That nach über", Lessing hätte sicherlichdarauf nicht weniger glanzvoll, scharf und witzig geantwortet,als er gegenüber dem Hamburger Hauptpastor Göze geschriebenhat. Immerhin mögen ihn die Reformer als einen Reformator