Druckschrift 
4 (1891)
Entstehung
Seite
310
Einzelbild herunterladen
 

310

einen gewissen Schein von Wahrheit verbreitete; so gelang ihmdas nur durch die Sophistik, d. h. durch die geistreiche Taschen-spielerei, die unter der Hand, ehe man es recht merkt, die Begriffeverwechselt und verwandelt. Es wird etwa so demonstriert:Christus hat ja das Schwert gebracht, hat unausgesetzt gegenIrrtum, Lüge und Sünde gekämpft, ist also fortwährend into-lerant gewesen, und die Apostel und die erste Gemeine habenden heiligen Krieg, die heilige Intoleranz getreulich fortgesetzt.Gewiß, so lauge noch irgendwie Wahrheitssinn und Gewissen inder Brust wohnt, wird man Lüge und Sünde bestreiten; indiesen: Sinne könnte nur tolerant sein, wer in sittlicher Be-ziehung schon zum Klotz geworden wäre. Aber welcher ver-nünftige und gewissenhafte Mensch hat jemals solchen Begriffvon der Toleranz gehabt, sie in dem Sinne aufgefaßt, daß sieden heiligen, geistigen Kampf' der Wahrheit und Liebe gegenLüge und Sünde ausschließe? Aber das gehört zur Toleranz,daß, weil sie selbst von Vernunft und Gewissen ausgeht, sie auchVernunft und Gewissen in jeden: Menschen voraussetzt und ehrt,und an den endlichen Sieg der Vernunft und des Gewissensglaubt, daß sie deshalb auf geistigem, sittlichem, religiösen: Ge-biet in: Kampfe rein und allein geistige Waffen kennt, nur ein Wirkenaus der Vernunft auf die Vernunft, aus dem Gewissen auf dasGewissen, daß sie auf diesem Gebiet alles, was äußerer Zwang,ist oder mit demselben zusammenhängt, aufs stärkste verab-scheut, daß es ihr als schnöde Gottlosigkeit erscheint, wenn manfrüher durch Geißel, Kerker, Folter, Todesstrafe, heute durchMaßregeluugen, Versagung bürgerlicher Rechte, Konzessions-oder Brotentziehung Schutz und Hebung der Religion bewirkenwill*. Toleranz ist daher recht wesentlich Sache des starken

* Pastor Or. Ri ecke aus Neuffen (in Württemberg) verlangte aufdem Schultage in Mannheim, daß zu den als deutsche Nationalfeste zufeierndenGedächtnistagen" hinzugefügt werde: 1. Der Tag, an welchemalle Konfessionen die gleichen bürgerlichen Rechte werden empfangen haben;2. der Tag, von dem an man nicht fragen wird: was glaubst du?sondern: was thust du?

Welches Datum werden diese Tags haben? Für Lessing fielen sie inseine Lebzeiten.