Druckschrift 
4 (1891)
Entstehung
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die noch im Schatten des Todes sitzen. Dies Judentum istselbst schon das Werden des Christentums, hat in Christo seinevollendete, schöne Gestalt, sein volles, thatkräftiges Leben. Beisolcher Betrachtung existiert unsere Frage nicht, sie kann viel-mehr nur hervortreteu, wenn Judentum und Christentum alsGegensätze aufgefaßt werden. In dieser Beziehung hat dasJudentum nach Christo eine nicht unähnliche Stellung wie dierömisch-katholische Kirche nach der durch das Trideutinum voll-endeten Ausschließung des evangelischen Bewußtseins. Wie ver-hüllt und unscheinbar, dennoch ist von der Reformation dieevangelische Gemeine noch in der römischen Kirche. Jetzt ersthat sich diese jener vollständig entledigt. Christus und dasChristentum ist vor der Erscheinung des Erlösers in gewisserWeise im Judentum. Mit Christi Kreuzigung wird die freieund befreiende Liebe Gottes von Israel verworfen, und damitentleert es sich seines christologischen Geistes und Wesens. DiesJudentum dürften wir im Talmud gleichsam verkörpert sehen.Aber wir sind nicht so unbillig, die Reformer wider ihren Willendaran zu binden. Wie wir evangelische Christen vielmehr vonaller Verunstaltung unserer Religion in der Geschichte, so gutvor wie nach der Reformation, stets auf Christum und dieapostolische Zeit zurückgeheu, um hier das echte und wahreChristentum zu haben; so müssen wir jenen wackeren Männerndas gleiche Recht zugestehen, nämlich an das Judentum in seinerUrsprünglichkeit sich zu halten. Soll es aber einen wirklichenGegensatz gegen das Christentnm bilden, so ist es dasjenige, wasPa>llus als Gesetz der Verheißung gegenüber stellt, es ist derMosaismus, ohne das, was wir unter Weissagung verstehen, derMosaismus ganz in seiner Beschränkung auf das eine Volk. Esbestimmt sich unsere Frage also näher dahin: Hat Lessing dieoben entwickelten Grundsätze Christo und dein Evangelio, oderhat er sie dem Mosaismus zu dankeil?

Zuerst der Grundsatz der Toleranz. Wenn ein berühmterglänzender Gelehrter, der, wo es galt, zugleich groß in derSophistik sein konnte, dem Christentum die Intoleranz als eindemselben Wesentliches beilegte lind über seine Auseinandersetzung