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das ganze Leben hindurch dieser Macht unterworfen bleibt. Ver-hältnismäßig gelangt nur ein sehr kleiner Teil des Menschen-geschlechts , selbst in Kulturländern, auf den Standpunkt einerfreien Beurteilung der Religionen, — die Macht der Erziehungund Gewohnheit ist überwältigend. Der Mensch schafft sich nichtdie Religion, sondern er empfängt sie und er bleibt ihr in derRegel treu. Von Verdienst oder Verschuldung kann dabei nichtdie Rede sein.
2) Die immer weiter sich verbreitende Überzeugung, daß esim Menschenleben und in der Schätzung desselben nicht auf denüberkommenen und angeerbten dogmatischen Glauben, sondern aufden sittlichen Wert des Menschen ankommt; daß es darauf an-kommt, was die Religion (der Glaube) in dem Menschen wirkt;daß zwar die eine Art des Glaubens besser ist als andere, daßes aber trotz der Verschiedenheit des Glaubens dem Bekennermöglich ist, sich von religiös-sittlichen Grundsätzen leiten zu lassenund ein edler Mensch zu werden.
3) Die mit diesen Grundsätzen verbundene Abschwächungdes streng-dogmatischen Glaubens. Der Glaube an ein aus-schließlich seligmachendes Dogma macht den Menschen, wenndiese Wirkung nicht durch andere Faktoren gemildert wird, hoch-mütig und intolerant. Nun zeigt die Kulturgeschichte, daß dieStrenge und Härte des Offenbarungsglaubens in der Abnahmebegriffen ist, ein Umstand, welcher auf die Verbreitung toleranterGesinnung nur günstig wirken kann. Das Umgekehrte ist auchwahr: der Fortschritt der Toleranz schwächt den Offenbarungs-glauben — eine Wahrnehmung, welche die Strenggläubigen ver-anlaßt, die Toleranz zu fürchten.
4) Die Vermehrung und Ausbreitung humaner Ge-sinnung, der Humanität überhaupt, infolge der Verallgemeine-rung der Wissenschaften, der Kultur und des herrschenden Zeit-geistes. Die Wissenschaften vernichten die Unwissenheit, dieRoheit, den Aberglauben, und sie verbreiten sich immer mehr unterdem Volke, sie sind nicht mehr das ausschließliche Eigentum derGelehrten. Das sogenannte Volk nimmt an ihnen Anteil, derTrieb nach Bildung ist in ihm erwacht, seine Kultur steigt, die