Druckschrift 
4 (1891)
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5) Die geschichtliche Wahrheit, daß die höchststehendeii, ge-bildetsten, edelsten Menschen die Tugend der Duldsamkeit besessen

einträgt, sowie denn auch ein wissender, nicht abergläubischer Mensch dieReligion, welche nicht von Aberglauben frei ist, davon befreit. Manüberlege, was das Mittelalter aus der christlichen Religion (der Lehre Christi)gemacht hat, was die Reformation mit dieser mittelalterlichen Religion vor-genommen hat und was nach dem Jahrhundert der Reformation wiedergeschehen ist! Die Religion Christi ist für unzivilisierte Völker zu gutund hoch. Deswegen haben einsichtsvolle Missionäre ihr Werk mit derGrundlegung allgemeiner Bildung der Jugend begonnen. Ein fortschreiten-des Volk duldet keine rückschreitende, ein rückschreitendes keine fortschreitendeReligion.

Der Erzieher wird daraus von neuem den Schluß ziehen, wie absurddas Verlangen ist, daß alle Nationen, alle Menschen wie verschieden auchder Grad ihrer Bildung sein möge dieselben religiösen Vorstellungenhaben sollten. Ein neuer Grund für die Pflicht der Duldung und für dieErkenntnis der Notwendigkeit der Bildung des Volkes, wenn es den Sinnund Geist der Religion richtig auffassen soll. Die Religion wirkt auf dieBildung, gewiß; noch stärker aber wirkt die Bildung auf die Religion.Daher ist der Versuch, die allgemeine Bildung zu beschränken, um der Re-ligion aufzuhelfen, Unsinn und Verrat. Solches pflegt von den Priesterneiner abergläubischen Religion zu geschehen. Und man muß gestehen, daßsie in ihrer Weise recht haben. Denn ein unwissendes Volk neigt sich zumAberglauben und liebt daher die abergläubsche Religion. Gelangte es zumWissen, zu selbstthätigem Forschen, Untersuchen und Denken und damit zumBezweifeln des Überlieferten, so würde seine Religion in Gefahr geraten.Die Religion ist, wie alles andere Geistige, wenn sie dem Volke nicht auf-gedrungen worden, ein Produkt seiner Zivilisation und Kultur und giebt indiesem Falls einen Maßstab (ein Kriterium) ab für den Grad seiner Bildung.Aber auch nur in diesem Falle. Denn wenn eine Religion mit Gewaltunter einem Volke verbreitet wird, so stimmt die Religion nicht mit seinerBildung. Überragt die Religion diese Durchschnittsbildung in hohem Maße,so können ganze Generationen darüber Hinsterben, ehe das Volk fähig ge-worden, sich den Geist der Religion anzueignen. Steht die Religion unterdem Niveau seiner Bildung, so wird dieselbe korrumpiert, wenigstens auf-gehalten; in beiden Fällen gewährt der Schluß von der Religion auf denGrad der vorhandenen Volksbildung keine Sicherheit. In Frankreich stehtdie Bildung über der Religion, in Schweden unter derselben. Bei Indi-viduen finden ähnliche Inkongruenzen und Disharmonien statt. Nur demkann man eine harmonische Bildung zuschreiben, in welchem die Gesamt-bildung mit dem Geiste seiner Religion übereinstimmt.