172
Indem er es tadelte, daß seine Zeitgenossen nicht an den Geistglaubten, wenn sie nicht Zeichen und Wunder sähen, nicht anden Geist, der in alle Wahrheit leitet.
Keine Zeit besitzt die Wahrheit ganz. Keine darf sich auchmit der Lumme der Wahrheit begnügen, die die Vergangenheitihr überliefert hat. Einer neuen Zeit, weil sie neu ist, könnendie alten Wahrheiten nicht mehr vollständig genügen. Ja sieist neu durch neue Wahrheiten. Wie die alte Zeit die Grund-lage der neuen ist, so sind die ans der alten Zeit überliefertenWahrheiten für die neue Zeit die Grundlage, ans welchersie die tiefere Erkenntnis des neuen, tieferen Lebens hervor-zulocken versteht. Fassen wir lesen Gedanken richtig, soversteht sich die große Tugend der Toleranz von selbst. Wirwerden mit niemand hadern, daß er „das Wort der Wahr-heit" anders versteht als nur. Entweder hat er uns schon über-schritten— dann werden wir von ihm lernen wollen; oder seineMeinung ist von der unsrigen überholt — dann werden wirihm gern die Zeit gönnen, uns nachzukommen.
„Leben heißt thätig sein, heißt sich entwickeln. Ist unser Lebendas Leben der Wahrheit (d. h. besteht es in Thätigkeit, in Schaffen, nichtin Genuß), dann können wir es nicht mehr verträumen, vergeuden, gedanken-los verprassen, sondern wir sind dann immer in der Schule, unser Lebenbietet uns täglich neue Fragen, neue Rätsel, neue Aufgaben, viel neue Er-fahrungen." (vr. Hirsch.)
Unendlich mannigfaltig ist die Entwickelung des Menschen.Das eben macht das Leben schön — nichts ist naturwidriger alsdas Uniformieren und Nivellieren. Was wäre die Erde, wennman die Berge abtrüge und die Thäler damit füllte? Einmathematischer Globus, der Tod durch Langeweile. Gepriesensei daher die Verschiedenheit der Naturbegabnng, die Mannig-faltigkeit der Entwickelung! Ein tief denkender Mann (HeribertRan) sagt daher:
„Je auffallendere und mannigfaltigere Abweichungen wir in derDenkungsart der Menschen bemerken, um so viel reicher werden wir anIdeen. Ein großer Teil dieses geistigen Reichtums aber ginge unwieder-bringlich für ein Zeitalter verloren, welches den Gedankengang der Menschen,ihr Wesen, ihre Charaktere nivellieren wollte. Wie viele Kräfte unseresGeistes fordern nicht ist ihrer Entwickelung außerordentliche Veranlassungen!Dort oder, wo alles einen gemessenen Schritt halten müßte, dort würden