170
Aller Wechsel, mit ihm aller Reiz in Leben und Natur, beruht wesentlich indieser Weltpsyche. Kein Wunder, daß selbst eine Wissenschaft erst lebensvollwird, sofern sie ihre Gegenstände im Lichte der Entwickelung zu schauen be-ginnt. In der That ist sie dem Naturforscher, wenn ich mich so ausdrückendarf, das große Evangelium der Natur. Dieses zu erklären ist gleichsamseine große Prediger-Aufgabe, in welcher sich all sein Forschen und Denkenkonzentriert. Wohl gab es auch für ihn eine Zeit, wo er von diesem Ge-danken noch nicht durchdrungen war, wo auch er, wie die große Menge nochheute, das ganze Dasein als ein starres, als ein Konglomerat von Einzeln-heilen betrachtete. Ein solches Zeitalter konnte nur ein sammelndes sein.Es mußte ein anschauendes werden, wenn sich der Gedanke Bahn brach,der Entwickelung der Natur nachzuforschen. Ein solches Zeitalter ist dasunsrige geworden. Entwickelungsgeschichte heißt gegenwärtig das Panier,um welches sich alle Disziplinen der Naturforschung mit einem Thaten-durste gesammelt haben, der Großes verheißt. Er hat zu der Lehre vomSein die Lehre vom Werden hinzugefügt."
„Eine Welt, die sich der Mensch als fertig gegeben dachte, eine Weltohne Geschichte mußte dem Geiste zu allen Zeiten wie ein toter Mechanismuserscheinen. Das ist durch das Studium der Entwickelungsgeschichte be-seitigt, die in jedem kleinsten Dinge die Gesetze der ganzen Welt wider-spiegelt. Durch sie ist die Welt von einem toten Mechanismus zu einemlebendig wirkenden, alle verjüngende Kraft aus sich selbst schöpfendenOrganismus erhoben worden." (Or. Müller.)
Die gesamte Menschheit untersteht einem großen allgemeinenGesetze, dem Gesetze der menschlichen Entwickelung. Dasselbe istmit ihr geboren und gegeben. Jede einzelne Nation stehtunter einem besonderen Gesetze der Entwickelung, welchesjenem allgemeinen nicht widerspricht, dasselbe aber spezialisiert.Jeder einzelne Mensch steht unter dem individualisierten Ge-präge dieser Gesetze. In jedem scharf ausgeprägten Menschenentdecken wir daher eine nur ihm anhaftende Eigentümlichkeit,in ihr aber das nationale Gepräge und den allgemein-mensch-lichen Charakter. So war Schiller z. B. ein edler Mensch,eine deutsche Natur und außerdem — Schiller.
In dein unendlichen Prozeß der Entwickelung betrachtenunsere Geschichtsforscher das Wesen der Kreatur, vor allem dervernünftigen — die Weltgeschichte ist ihnen ein Prozeß der Ent-wickelung der in die Menschheit niedergelegten Keime in unend-lichem Fortschritt.
Die Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung der Nationen