XII.
Wovor hat sich der Lehrer dieser Zeit zu hüten,und was hat er zu allen Zeiten sestzuhatlen?
1) Erforsche dein Inneres, ob du es zu dein Grade vonGerechtigkeit und Humanität gebracht hast, daß du in betreff derreligiösen Vorstellungen gegen jedermann die vollkommenste Ge-rechtigkeit übst, d. h., daß du jedem das Recht einräumst, überdie unsichtbaren Dinge »ach seiner Überzeugung zu denken. Findestdu bei dieser Erforschung noch ein Atom von Intoleranz in dir— vernichte es! — Gewisse Leute werden dazu sagen, diese Mah-nung verrate Gleichgültigkeit gegen die „absolute" oder die „alleinseligmachende" Wahrheit oder Kirche — laß sie reden! —
2) Unterscheide wohl „Ideen" von „Dogmen!" Gott, Tugend,Unsterblichkeit, Humanität u. s. w. sind Vorstellungen, die sichauf gewisser Kulturstufe in jedem Volke entwickeln — es sindIdeen, die in einem dafür entzündbaren Gemüte zu Idealenwerden. „Dogmen" (im strengen, hier angenommenen Sinne)sind angeblich geoffenbarte Lehrsätze über alles menschliche Ver-stehen und Begreifen hinaus.
Die Auffassung des Unterschiedes zwischen Ideen und Dogmenist darum für den Lehrer so wichtig, weil er damit zu der allerOrten durch die Erfahrung bestätigten Überzeugung gelangt, daßsich mit den Dogmen, weil keine Anknüpfungspunkte (keine An-schauungen) in der Seele für sie vorhanden sind, und weil derMensch die Antriebe zum Handeln nicht zunächst von dogma-tischen Vorstellungen, sondern von empfundenen Wertbestimmungen