Druckschrift 
4 (1891)
Entstehung
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das Zeitgemäße oder sollte es wenigstens sein; das Zeitgemäße (dasbestimmten Richtungen einer Zeit Gemäße) ist aber nur zu oft dasNaturwidrige gewesen. Kleine Geister pflegen nach dem, was imAugenblicke die Gunst der Mächtigen genießt, zu spekulieren; dietüchtigeren Menschen aller Zeiten haben sich stets an das Bleibendeund Ewige gehalten.

Wer Lessing für einen Mann der Vergangenheit, nichtfür einen Mann der Gegenwart hält, nicht für einen, der vorallen in dieser Zeit zu hören ist, kennt weder ihn selbst, nochdie Gegenwart. Er ist ein Mann aller Zeit; denn er hat dierichtigen Prinzipien erkannt und ins Licht gestellt. Darum ver-dient er, hoch auf den Leuchter gestellt zu werden. In ihm hattesich noch mehr als in Schleiermacher der protestantische Geistder Freiheit inkarniert die Gewissensfreiheit, die Freiheit desKultus, die Unabhängigkeit des Glaubens von menschlichenAutoritäten, die Freiheit des Individuums, das Recht jedesMenschen ans Anerkennung und Duldung in Glaubenssachen,das Recht der freien Forschung im Dienste und in der derMenschennatur eingefleischten Begier nach Wahrheit und Über-zeugung, die Freiheit nach Wissenschaft, ihre Selbständigkeit undihre Unabhängigkeit (auch der Pädagogik) von Glaubensbekennt-nissen, Kirchenbeschlüssen und Autoritäten irgend einer Art. NachLesfling ist die Religion Sache des Individuums, die sichnaturgemäß ändert mit seiner Kultur. Die Dogmen sind Aus-druck der religiösen Weltanschauung ihrer Zeit und stehen, wiejede menschliche Ansicht, unter dem Gesetze des Flusses in derGeschichte. Es giebt auf Erden keinen Richter, der dieWahr-heit" in unfehlbarer Weise anszulegeu berufen wäre. Glaubens-und Kirchenbann und die Anrufung des weltlichen Armes zumSchutz derewigen Wahrheit" sind Ausgeburten hierarchischerGelüste. Einem Menschen den Stempel des Unglaubens aufzu-drücken, ihn für einenUngläubigen" zu erklären, ist Anmaßungund Geistesdespotismus. Autorität und Freiheit sind unverein-bare Gegensätze. Die Religion ist kein Dogmenglaube, sondernein Lebensprinzip, das unter der höchsten Mannigfaltigkeit derFormen gedeihe» kann, ja in jedem wirklich religiösen Menscheneine eigentümliche Gestalt annimmt; sie ist das tiefste, bewegendste