Druckschrift 
4 (1891)
Entstehung
Seite
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Lessing suchte das Wesen der Religion nicht in denDogmen, mn wenigsten in denjenigen, welche dein Menschen durchVerständnis und Einsicht nicht angeeignet werden können; Lehr-sätze, die er nicht in Vernnnftsätze anflösen konnte, erachtete ersür der Seele schädlichen Ballast; er erklärte die Religion fürden einzelnen Menschen als die für ihn beste, welche die edelstenFrüchte erzeugt; er selbst war kein Spmbolgläubiger, erbekanntesich zu keiner Konfession, mit Schilleraus Religion"; erunterwarf sich nicht blind dergegebenen Wahrheit", er achtetekeinegesetzte Autorität", er meinte, das Forschen habe einenhöheren Wert als das Erforschte; er respektierte die Selbständig-keit und Freiheit des menschlichen Geistes, darum diesubjektive"Religion und Religiosität; die Religion Lessings war dieReligion der Aufklärung, der Vernunft und Hu-manität. Das Christentum war ihm die Religion der Mensch-heit, oder die Menschheitsreligiou war ihm das Christentum.Gott fürchten und Recht thun war sein praktisches Christentum.Er verlegte die Religion ans dem Kopfe der Orthodoxen in dasHerz der Menschen, die Menschenliebe war ihm der Kern unddas Wesen der Religiosität, und man kann in strenger Wahrheit,wenn man die Totalität seines Lebens und Strebens ins Augefaßt, die mitgeteilte Allssage des Klosterbruders über Nathan(Ihr seid ein Christ, ein bess'rer Christ war nie") auf ihn anwendeu.

Was aus Lessings religiösen Grundsätzen für den Reli-gionsunterricht folgt, brauche ich dem Leser nicht weiter zu sageil.Was sich bei einem so konsequenten Manne mit ihnen nicht ver-trägt, das will er auch nicht; er kann andere nur zu dem er-zogen wissen wollen, was er für wahr hielt, und in der Weise,die er, seinen Grundsätzen gemäß, für die richtige erachtete. DieLeser mögen sich daher selbst fragen:ob ein Lessing die ausschließende Konfessions-, oder dieeinschließende Humauitätsschule und alles das, was mitjener oder dieser harmoniert, ins Leben gerufen oder verworfenhabeil würde.

Über einen Mann wie Lessing kann man nicht genug Nach-denken, man kann sich auch über ihn nicht so aus sprechen, daßman nichts ulehr über ihn zu sagen hätte.