Druckschrift 
3 (1891)
Entstehung
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lebt fast ein Pflanzenleben. Ihr Auftreten ist einfach, kunstlos,voll Leben, wie das Blut in jugendlichem Leibe raschen Umlaufhat. Die Wörter sind kurz, einsilbig. Die Begriffe gehen hervoraus sinnlicher, ungetrübter Anschauung.

In der zweiten Periode vervielfachen sich alle Lautgesetze,es entspringt der wohllautende Wechsel der Vokallängen undKürzen; Kraft lind Gewalt des Ausdrucks steigt. Die Wörterwerden langer lind vielsilbig, geeigneter zur Darstellung von Ge-danken, sowie auch besonders zur Poesie.

Aber die ganze Natur des Menschen und folglich derSprache ist zu ewigem Aufschwung bestimmt. Die Fessel, welchedie Anmut lind der Wohlklang der Sprache, überhaupt die Form,dem Gedanken anlegte, mußte durchbrochen werden. Die Wurzel»verloren zum Teil ihre ursprüngliche sinnliche Bedeutung, diemeisten Flexioneil gingen verloren, sie wurden durch Partikelnersetzt, die zur genauen Begriffs- und Gedankeudarstellung sichmehr eigneil.

Auch die deutsche Sprache ist zerrissen, wie wir selbst zer-rissen sind.

Die Schönheit menschlicher Sprache blühte nicht im Anfänge,sondern iil ihrer Mitte; ihre reifste Frucht wird sie erst in derZukunft erreichen.

Wohin uns aber die Sprache den Blick thuu läßt, erscheinenlebendige Regungen, fester Halt und weiches, nachgiebiges Gelenk,farbige Mannigfaltigkeit, ungestörter Wechsel, der noch nie zumletzten Abschluß gelangen ließ: Alles verbürgt uns, daß dieSprache Werk und That der Menschen ist und Tugenden wieMängel unserer Natur an sich trägt. Stillstand, Despotismuseiner Akademie ist, wie jede Art des Despotismus und Absolu-tismus das Leben stört, auch der Sprache Tod und Verderb.Veränderung, Fortbewegung, Entwickelung ist, wie das Gesetzalles Lebens, auch der Sprachen Forderung lind Gesetz.

Voll allem, was die Menschen erfunden und ausgedacht, beisich gehegt lind einander überliefert, was sie im Vereine mit deriil sie gelegten und geschaffenen Natur hervorgebracht haben, istdie Sprache das größte, edelste und unentbehrlichste Besitztum.