Druckschrift 
3 (1891)
Entstehung
Seite
289
Einzelbild herunterladen
 

289

die Sprache ist dem Menschen nicht anerschaffenoder angeboren; Tiere und Menschen haben nur eineGrundlage des Lautmerdens miteinander gemein: Stimm-werkzeuge. Die Sprache der Menschen ist eine gegliederte, arti-kulierte, befördert durch die aufrechte Stellung des Menschen.

Die Urlaute aller Sprachen (a, i, u rc.) sind uns an-erschaffen. Die Affen, die so vieles nachäffen, sind nie darauf ver-fallen, dem Menschen die Sprache nachzuahmen.

Die Hypothese einer offenbarten Sprache rührt vondenen her, welche in den Anfang aller menschlichen Geschichteeinen Stand paradiesischer Unschuld setzen, hernach durch denSündenfall die edelsten Gaben und Fähigkeiten des Menschenzerrüttet werden, folglich auch die gottähnliche Sprache von ihremGipfel herabsinken und dann nur geschwächt den Nachkommenzugestehen lassen mögen.

Diese Ansicht gewinnt dadurch einen Schein von Wahrheit,weil die Geschichte der Sprachen in der That nach und »acheinen Abfall von ihrer ursprünglichen Reinheit und Vollkommen-heit anzudeuten scheint und man daher vermuten könnte, daß auchfür die Sprache eine Rückkehr zur Vollkommenheit, eine Erlösungvon der eingetretenen Verderbtheit erwartet werden dürfte.

Aber selbst dieOffenbarung" weiß davon nichts; nach ihrtritt dieVerwirrung der Sprache" erst lange nach demSünden-fall" ein. Und die Zersplitterung der Sprache über die ganzeErde und ihre endlose Mannigfaltigkeit war höchst naturgemäß,förderte die größte» Werke der Menschen, war wohlthätig undnotwendig, kann keineswegs verwirrend genannt werden und istsicher auf ganz andere Weise erfolgt, als uns die Erzählung voneinem versuchten Frevel der Menschen bei jenem Turmbau zuerkennen giebt* *. Die Sprachgeschichte erhebt dagegen lauten

Gesichtszügen, so wenig kann es zwei Sprachen, auch nur der Aus-sprache nach, im Munde zweier Menschen geben, die völlig ein und die-selbe Sprache wären."

Klima, Luft und Wasser, Speise und Trank rc. werden auf dieSprachwerkzeuge und natürlich auch auf die Sprache einfließen." Herder.

*Eine morgenländische Urkunde über die Trennung der Sprachenlt. Mos. 11), bestätigt durch eine sehr dichterische Erzählung, was so vieleDiesterweg, Ausgew. Schriften. 2. Aufl. III. 19