Druckschrift 
3 (1891)
Entstehung
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ziehung und Erfahrung. Wo nicht, so ist sie unwahr, ihm au-geheftet, aufgeredet, augekünstelt, und es findet zwischen seinemGlauben" und seinen übrigenÜberzeugungen" von deinKontrast mit seinem Leben gar nicht zu reden ein klar hervor-tretender Widerspruch statt. Die Religion ist in ihm nicht wahr.

Sie ist es nur unter der angegebenen Bedingung, d. h. also,wenn sie individuell und subjektiv ist, wenn jeder Menschseine eigene Religion hat, wie es auch, nach dem Zeugnisder biographischen Litteratur, zu allen Zeiten bei wirklich, d. h.innerlich religiösen Menschen der Fall gewesen ist und ewig seinwird. Die Religion ist des Menschen eigenstes Eigentum. Einerkann für den andern so wenig glauben als denken , keiner kanngerade glauben wie der andere, jeder hat seine eigeneReligion, öderer hat eine fremde, die ihn zum Sklaven machtund zu einen: Knechte degradiert. Keiner hat das ich wieder-hole es mit solch überzeugender Kraft dargethan wieSchleiermacher in seinenReden an die Verächter", welchesErstlingswerk dieses scharfsehenden Mannes ich jetzt noch für seinHauptwerk erachte.

Die Religion, die ich anstrebe, ist demnach individuell und folglichauch in dieser Beziehung das direkteste Gegenteil des Abstrakten.

Ich beanspruche zunächst keine äußeren praktischen Folgendieses Aufsatzes; ich überlasse es ihm, durch das, was er Wahresenthält, zu wirken, was er vermag. Die Wahrheit ist für michdie höchste lind alleinige Autorität, nicht die Autorität Wahr-heit. Es kann nicht zu oft wiederholt werden nur dasWahre wirkt Bleibendes und Gutes. Wenn ich daher in dieseinAufsätze einen wichtigen, beherzigenswerten Satz ausgesprochenhabe, so ist es der, daß wir in der Religion, in: Kirchen- wiein allem andern Wesen, zur Wahrheit zurückkehren, die Wahrheitals alleinige Autorität, aufstellen müssen; sonst ist es nicht bloßmit dem Kirchenwesen, sondern auch mit der Religion überhaupt,mit der Bildung und mit allem andern, was für Menscheneinen bleibenden Wert hat, vorbei, wobei man zugleich nie undnimmer vergesseil darf, daß es keine reale religiöse Wahrheit,d. h. keine Wahrhaftigkeit giebt ohne Freiheit.