Druckschrift 
3 (1891)
Entstehung
Seite
276
Einzelbild herunterladen
 

Erscheinungsform desselben, das Thatsächliche, in welchem derGeist sich offenbarte, zuerst an das Licht trat, nicht dieser Geistselbst, ist, wie Lessing sagt, das Gerüst, nicht der Bau, nichtder Palast, höchstens der Grundriß zu demselben. Das Gerüstkann man abbrechen, wenn der Bau fertig ist, d. h. man kanndie Geschichte vergessen, wem: sie ihren Zweck erfüllt hat. Jaman kann manches Geschichtliche, geschichtlich Berichtete, an-zweifeln, als in der That nicht-geschehen ansehen, ohne darumdas Geistige in ihr zu verwerfen. Summa: es kommt nicht aufdie unbedingte Wahrheit der. geschichtlichen Thatsachen, sondernauf die ewige Wahrheit, von der sie die Träger sind, an. Mandarf daher bei der Geschichte nicht stehen bleiben, sie ist nichtdas Wesen, nicht das Bleibende und Ewige, sie ist nur das Ve-hikel, zu diesem Bleibenden zu gelangen. Geschichtliche That-sachen sind nur einmal geschehen und sie wiederholen sich nicht;das Ewige und Bleibende im Christentum aber wiederholt sichtausend- und abertausendmal; das Geschichtliche ist nur dieGrundlage, die Erscheinungsweise, die sich mit den Zeiten undZuständen ändert; die Geschichte vergeht, das Vernünftige bleibt.Darum also hat der Lehrer, der, wie wir verlangen, überall vonhistorischem Boden ausgeht, nicht bei der Geschichte stehen zubleiben, sie nicht für das Wesen zu erachten, sondern sie zu be-nutzen, um ans der historischen, konkreten und darum anschaulichenForm des geistigen Gehalts diesen selbst zu entwickeln und darzustellen.

Das Ewige und Bleibende im Christentum, die Religionoder das Christentum Jesu, ist das Vernunftgemäße und darumbleibend, auch wenn manche Geschichten, die von ihm erzähltwerden, nicht wahr sein, von diesem und jenem bezweifelt werdensollten. Es ist wahr, nicht weil dieses und jenes geschehen ist,sondern weil es an und in sich wahr ist. Die Geschichte ist nurdas didaktisch richtige Mittel, diese ewige Wahrheit dem Nicht-wissenden zum Bewußtsein zu bringen. Dieses Ewige darumbloß auf Geschichte zu gründen, hieße, das Ewige auf einervergänglichen und bezweiselbaren Grundlage erbauen. Dieseverkehrte Weise hat Tausende um die Wahrheit gebracht, weilihnen die Grundlage ungewiß wurde und sie das Wesen nichtvon der gefälligen Form zu unterscheiden gelernt hatten.