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3 (1891)
Entstehung
Seite
270
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es mit ihrer gesunden Wirkung vorbei. In unsrer, durch denZwang, die Absichtlichkeit, das Scheinwesen, den Parteihaß, dieLüge und die Heuchelei vergiftete» Zeit* muß man der Wahr-

* Man betrachte, um uns auf das Religionsunterrichts-Gebiet zu be-schränken, was unter uns alle Tage, Werktags wie Sonntags, geschieht!

In den Schulen sagen die Lehrer den Schülern Dinge vor, die sienicht verstehen, die oft kein Mensch versteht. Sie sprechen ihnen dogmatischeSatze vor, d. h. abstrahierte Sätze, ohne daß die Schüler die Anschauungenhaben, aus welchen sie abstrahiert sind, auch Sätze, welchen überhaupt keineAnschauungen zu gründe liegen, die also schlechthin unverständlich sind.Denn ohne Anschauungen oder unmittelbare Vorstellungen läßt sich nichtseinsehen. Die Schüler werden genötigt und gewöhnt, diese teils erfahrungs-losen, teils schlechthin unbegreiflichen Sätze nachzusprechen, und damit istdas vorstellungs- und begriffsleere Wort auf den Thron gehoben, dasPlapper- und Phrasenwerk inthronisiert. Jedes Wort aber, welches ge-braucht wird und welchem im Geiste des Sprechenden keine Vorstellung zugründe liegt, ist ein Ding, das nichts enthält, aber so thut, als wenn esetwas enthielte, ist folglich Schein, veranlaßt Täuschung, wird zur Lüge-So wird mit dem lauten Wortwerk die offenbare Unsittlichkeit den Kindernzur Eigenschaft, zu ihrem eigensten Wesen gemacht. Wie könnte man sichauch sonst ohne diese allgemeine Gewohnheit und Gewöhnung die ungeheureHerrschaft des Wort- und Phrasentums erklären? Dem natürlichen Menschenist von Haus aus nichts mehr zuwider als Worte ohne Sinn und Bedeutung;er gebraucht auch, wenn er nicht etwa gezwungen wird, kein einziges ohneVorstellung.

Und was geschieht von vielen Geistlichen? Sie reden den Leuten denGlaube» auf; sie freuen sich, wenn sich einer, er sei wer er sei, zu denDogmen bekennt, die sie vortragen: ob dieselben sich auch (nur in diesemFalle wäre das Bekenntnis zu ihnen wenigstens subjektiv wahr) mit demübrigen Inhalte in dem Geiste desGläubigen" vertragen, wer fragt danach?Kurz, sie suchen die Menschen zuGläubigen" zu machen, rühmen dieseGläubigen", tadeln und verdammen dieUngläubigen", nennen diePropheten und heiligen Männer andrer Völker Lügenpropheten, als wennsich Gott nicht auch ihnen bezeugt hätte: sie suchen die Gläubigen zurFrömmigkeit" zu bereden, ermahnen sie zur Kirchlichkeit um des Beispielswillen u. s. w. Und doch hat die Frömmigkeit nur dann eine» Wert, weilnur dann eine Wahrheit, wenn sie aus der Erkenntnis der Sache hervor-geht: und eine Übung oder Handlung, die ichum des Beispiels willen"vornehme, erfolgt nicht um der Sache willen, sondern ist Schein und Scheinwesen, die den andern weiß macht, daß es um der Sache willen geschehe.Er dagegen thut es, kann ich annehmen, auch um des Beispiels willen.Also hüben wie drüben Unwahrheit, Tüuscherei, Lüge.