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Dem Kinde ist alles Ernstfinstre, Despotische, Einengendezuwider; es liebt das Befreiende, Anregende, Aufweckende, Ge-mütliche. Die Religion soll nicht Niederdrücken und fesseln,sondern befreien, erheben, beglücken.
Wer dieses begreift, wird einsehen, daß vorzugsweise diereligiöse Bildung nur bei Heiterkeit und frohem, beglückendemLebensgefühl der Kinder gedeihen kann. Schon deswegen müssenwir alle niederdrückenden, einengenden, lästigen Übungen ans deinReligionsunterricht verbannen. Nun weiß jeder, daß nichts diehöheren Vermögen, den Flug des Geistes, mehr niederdrückt alsBelastung des Gedächtnisses, als wörtliches Auswendiglernenmassenhafter Stoffe, als der Gedächtniskram.
Dieses Ungetüm, diese traurige Erbschaft geistloser Schul-tyrannen, hat der Religion, wie der gesamten Jugendbildung,tiefere Wunden geschlagen, als sich sagen läßt. Ich appellierean das Bewußtsein derer, welchen in ihrer Jugend diese Lastaufgewälzt worden (vielen Millionen Menschen hat dieses Treibendie nie wiederkehrende Jugendzeit, die Zeit der Knospen- undBlütenbildung während des Menschheitsfrühlings, gleich einemMelthau vergiftet); sie mögen erklären, ob ich Recht darinhabe, wenn ich sage: die Stimmung, in welcher die Erwachsenenan die Religion denken, ist zum großen Teile (bei Unzähligenfür das ganze Leben) abhängig von der Stimmung, in welchersie in der Jugend den Religionsunterricht empfingen. Trotz derfortgeschrittenen Pädagogik und Didaktik erlebt man es bis zudiesem Tage bei der Mehrzahl unsrer Zeitgenossen (ich muß michmit einschließen), daß sich bei diesen Erinnerungen das Gesichtverfinstert.
O, es ist manche Erscheinung erklärlich, wenn man ihreEntstehungsgeschichte kennt; die Religionslehrer haben die Ab-neigung und Gleichgültigkeit der Menschen gegen die Religionaus ihrem Gewissen. Nach meiner Erfahrung muß ich es aber-mals sagen: in keinem Unterrichtsgegenstande entdeckt man sowenig von wahrer Pädagogik als in dem Unterricht der Religion,wie er bis diesen Tag in Schulen, Katechisierstuben und Konfir-mandensälen angetroffen und — zur Schande der Pädagogik —
Tiesterweg, Ausgew. Lchrnten. 2 . Aufl. M. 17