Druckschrift 
3 (1891)
Entstehung
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dem Zeitgeist gefunden. Auch dieses Urteil ist subjektiver Art;keiner aber kann es »ingehen.

Jeder Mensch hat eine gewisse Vorstellung von dein Charakterseiner Zeit, von der Gegenwart, in der man selbst lebt, undjeder unterscheidet auch die guten und unterstützenswcrtenMomente von den verwerflichen und schlechten. Hat inan jeneerkannt, so weiß man, was sie will und was inan zu fördernhat. Denn so wenig ein Mensch zu irgend einer Zeit seinesLebens alles mögliche Gute zugleich erstreben kann, so wenigvermag es eine ganze Nation. Das Spezielle, woraus sie zuirgend einer Zeit Wert legt, macht ihren Charakter zu der Zeitaus, uud wer ihr dienen, die Entwickelung seiner Gegenwartfördern will, muß sich an diesen speziellen Trieb anschließen.Zu anderer Zeit wirft sie sich auf anderes. So entsteht in deinEinzelnen, welcher für aktive Zeitmomente Sinn hat (es giebtzu allen Zeiten Menschen, welche die Morgen- und Abendröte,aber nicht die Zeichen der Zeit zu deuten wissen), ein Urteilüber seine Zeit, ein Gefühl für das ihr Zusagende oder ihrWidersprechende. Mit dem Worte Gefühl deute ich die sub-jektive Seite dieses Urteils an. Aber die Gewißheit dieser Sub-jektivität schreckt keinen von dem Fällen eines solchen Urteilszurück. Es ist ganz unvermeidlich. > Jeder will die Förderungseiner Zeit; er billigt, was dazu beiträgt, er verwirft, was siebeeinträchtigt. Mit je größerer Lebendigkeit einer seiner Zeitangehört, desto inehr sieht er sich zu dem Urteil über die Zeit-mäßigkeit oder Zeitwidrigkeit einer Erscheinung hingedrängt. Eskann etwas an und für sich ganz gut, nur jetzt nicht an derZeit sein, und man erklärt sich deswegen dagegen, wenn manaufgefordert wird, es zu unterstützen. Jedenfalls aber betrifftdieses nur Dinge von untergeordnetem Werte. Auch versteht essich von selbst, daß das Urteil an dem ersten Prüfsteine das andem zweiten überwiegt. Was der inenschlichen Natur wider-spricht, gehört zu allen Zeiten und überall zu den verwerflichenDingen; es kann aber auch etwas nur zu einer Zeit unpassend,zu andrer Zeit aber ganz zweckmäßig sein.